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Besprechung
5.2012


Raimar Stange :  Im Berliner Martin-Gropius-Bau stellt ‹Art and press - Reflexionen zeitgenössischer Kunst auf das Medium Zeitung› 56 Posi-tionen vor, die sich mit Printmedien auseinandersetzen. Eine fulminante Auswahl ist der Ausstellung gelungen, leider aber auch eine, die überraschend konzeptlos daherkommt


Berlin : Art and press


  
Ai Weiwei · untitled, 2011. Foto: Stefan Korte


Ikonen zum Thema ‹Kunst und Medien› sind hier zu sehen: Da hängen die ‹Disaster-Bilder› von Andy Warhol, etwa das ‹Ambulance-Disaster›, 1963, und Robert Rauschenbergs berühmte Wandarbeit ‹Arcadian Survey (Spread)›, 1977, neben Sigmar Polkes Bilderzyklus ‹Original + Fälschung›, 1971. On Kawara ist mit seinen Datumsbildern mit integrierten Zeitungsausschnitten genauso vertreten wie Christian Boltanski mit seiner Installation ‹Die Archive der Zeitung›, 1989. Jenny Holzer wiederum zeigt in ihrer von der Decke hängenden Skulptur ‹Torso›, 2007, LED-Schriftbänder mit Textzeilen aus Dokumenten der US-Regierung. Von Joseph Beuys sind überzeichnete Zeitungsseiten ‹Als Aufruf zur Alternative›, 1972, ausgestellt, von Robert Gober gebündelte, in die Ecke gestellte Druckerzeugnisse. Der im Moment wohl unverzichtbare Ai Weiwei beispielsweise präsentiert auf dem Boden liegende Eisenstäbe, die zu abstrakten Skulpturen verformt wurden. Die Eisenstäbe entstammen der Beichnan High School, die 2008 von einem Erdbeben zerstört wurde und in der 1'000 Schüler ums Leben kamen. Dass bei dem Bau der Schule aus Kostengründen gepfuscht worden ist, haben die chinesischen Medien verschwiegen. Was aber hat Ai Weiweis Erinnerungsarbeit mit On Kawaras existenziellen Protokollen von Zeit und Raum gemeinsam, was Warhols Aufbereitung medialer Bilder mit Holzers explizit politischer Aufklärungsarbeit, was Gobers materialorientierte Arbeit mit Polkes Reflexion über die Authentizität von Bildern? Allein die mal mehr formale, mal eher inhaltliche Auseinandersetzung mit der Presse sorgt für einen roten Faden, der allerdings keinerlei diskursive oder kritische Stringenz entwickelt.
Fragen nach dem Wandel der Presselandschaft angesichts des Internets oder im Zuge der Privatisierung der TV-Medien stellt die Ausstellung prompt nicht. Daran ändert auch die Auswahl der jüngeren Positionen nichts, so gut die einzelnen Arbeiten auch sind. Rirkrit Tiravanija etwa zeigt seine Collagen ‹untitled (the days of this society are numbered/september 16 october 12)›, 2010, auf denen der Satz «Die Tage dieser Gesellschaft sind gezählt» auf aneinandergereihten Zeitungsseiten zu lesen ist. Marcel van Eeden schliesslich reflektiert in seinem neuen Bilderroman ‹The Photographer›, 2011/12, das Arbeitsfeld des Pressefotografen. Apropos Bild: Dass ausgerechnet Deutschlands berüchtigte Boulevardzeitung B... als exklusiver Medienpartner der Ausstellung fungiert, verstimmt sehr!

Bis: 24.06.2012


Katalog ‹Art and Press. Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit›, Köln 2012, mit Texten von u.a. Robert Fleck, Eva Karcher, Peter Weibel



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Ausgabe 5  2012
Ausstellungen ARTandPRESS [23.03.12-24.06.12]
Institutionen Martin-Gropius-Bau [Berlin/Deutschland]
Autor/in Raimar Stange
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