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Besprechung
5.2012


Cynthia Krell :  In der reduziert inszenierten Einzelausstellung des Schweizer Künstlers Luca Frei wird das Publikum durch Handlungsangebote zum Akteur. Freis Zeichnungen, Objekte und Figuren regen zum Nachdenken über gesellschaftlich relevante Fragen wie Identität und Zeitphänomene an.


Bonn : Luca Frei, ‹The Fifth Business›


  
links: Luca Frei · The Fifth Business, 2012, Bonner Kunstvere
rechts: Luca Frei · Family, 2012, geschweisstes Eisen, Holz, Farbe, 6-teilig, je 190 cm hoch, Breite variabel, Installationsmasse variabel. Foto: Simon Vogel


Der Titel ‹The Fifth Business› der Einzelausstellung des Schweizer Künstlers Luca Frei (*1976, Lugano) geht auf den gleichnamigen Roman des kanadischen Schriftstellers Robertson Davies zurück. Dieser bezeichnet mit dem Begriff eine Figur in einer Nebenrolle, welche die Handlung in einem Schlüsselmoment vorantreibt. Ganz ähnlich treffen Besuchende im Bonner Kunstverein auf Objekte und Figuren mit Aufforderungscharakter, die sie als Akteure involvieren.
Gleich im ersten Raum stösst man auf einen von der Decke baumelnden massiven Eisenring. In diesem gibt es einige Originalzeichnungen in Form von laminierten Farbkopien zu entdecken, die, wie im Titel der Arbeit ‹Diary›, 2012, angedeutet, auf visuelle Notationen verweisen. Zwei dieser Zeichnungen dienten Luca Frei als Ausgangspunkt für Wandzeichnungen aus LED-Lichtschläuchen mit dem Titel ‹Emoticons›, beide 2012. Aus der Distanz bilden die überdimensionalen Linien jeweils ein freudiges und ein trauriges Gesicht - Emoticons bilden Gefühle im digitalen Zeitalter ab. Schräg gegenüber übersetzt die Installation ‹The Sun Twenty Four Hours›, 2011, das Messen der Zeit in reale Objekte. Auf Metallregalen sind sechzig mundgeblasene Sanduhren verteilt, die zur Benutzung auffordern. So kann jede/r die verbrachte Zeit in der Ausstellung messen oder für andere als Zeit-Spur sichtbar machen. Ein Zufall verhalf der Arbeit zu ihrem Titel, denn in den Kartons befindet sich das ursprüngliche Verpackungsmaterial der Sanduhren. Es sind Seiten der italienischen Wirtschaftszeitung ‹Il Sole 24 Ore›, die auf die ökonomische Dimension einer globalen Zeitmessung verweist.
Im zweiten Raum dient eine angelehnte Holzwand als Hintergrund für die theatralisch wirkende Arbeit ‹Family›, 2012. Sechs frei im Raum stehende Metallfiguren basieren formal auf der brasilianischen Graffiti-Schrift Pixação und sie lassen sich als das Wort «Family» entziffern. Hier wird der Bezug zu Robert Davies besonders deutlich, der die Figuren für seinen Roman ‹The Fifth Business›, ausgehend von den Archetypen von Carl Gustav Jung, wie Anima, Animus, der Schatten und die Grosse Mutter, entwickelt hatte. Durch die eigene Bewegung im Raum ergeben sich beständig neue Figurenkonstellationen, die ein identitätsstiftendes Spiel auslösen können. Frei gelingt es mit seinen formal reduzierten Arbeiten und ausgehend von Artefakten, Phänomene unserer Zeit kritisch bis ironisch zu kommentieren und durch eigenständige Setzungen gehaltvoll zu reflektieren.

Bis: 13.05.2012



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Ausgabe 5  2012
Ausstellungen Luca Frei, Lin May, Miriam Schwedt [10.03.12-13.05.12]
Institutionen Bonner Kunstverein [Bonn/Deutschland]
Autor/in Cynthia Krell
Künstler/in Luca Frei
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