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5.2012




Berlin : Animismus


von: Verena Kuni

  
links: Erik Steinbrecher · Trouble mit der Anima, 2012, Fotografie © ProLitteris
rechts: Candida Höfer · Ethnologisches Museum Berlin III, 2003 © ProLitteris


Mit Essen spielt man nicht. Aber was, wenn es doch passiert und uns aus dem fast geleerten Teller, aus den Resten von Spiegelei und Kartoffelbrei auf einmal ein Gesicht entgegenblickt? Die Fotografien, die Erik Steinbrecher in seinem Künstlerbuch ‹Trouble mit der Anima›, 2012, versammelt, bringen es ebenso auf den Punkt wie Walt Disneys Trickfilm ‹The Skeleton Dance›, 1929, in dem muntere Knochenmänner aus den Gräbern steigen, um als Tänzer und Instrumente zugleich zu fungieren: Die imaginierte Belebung und Beseelung - sei es von Dingen, von Artefakten oder von Natur, die dem Menschen als das Andere entgegentritt - mag noch so leicht als Fantasie, Projektion oder Inszenierung zu entlarven sein. Der Macht ihrer Faszination ist kaum beizukommen.
Diese Feststellung ist Ausgangspunkt der Ausstellung, die kulturgeschichtliche Dokumente und Kunst zusammenführt, um aufzuzeigen: Eben jener Animismus, den die frühe Anthropologie zwar als «Ur-Impuls» menschlicher Zivilisation ausmachen wollte, mit der Moderne jedoch überwunden glaubte, feiert stets aufs Neue seine Wiederkehr. Gerade deshalb lohnt es aber auch, ihn nicht nur als Symptom zu betrachten, sondern seine politischen, sozialen und kulturellen Potentiale in den Blick zu nehmen: etwa als Instrument einer Rhetorik der Macht ebenso wie als Werkzeug ihrer Kritik - die in der Schau von ganz unterschiedlichen Standpunkten aus vorgenommen wird. Vis-à-vis von analytischen Film-Essays zur Kolonialgeschichte etwa untersucht Jimmie Durhams ‹Museum of Stones›, 2011/12, die Sprache der Steine, deren Vokabular von der Bildmagie über industrielle Produktion bis zu einer fast schon parodistischen Reihung von Pflastersteinen nach Grösse reicht, in der eben jener, der sich der Hand als ideales Wurfgeschoss bietet, die Klassifizierung «just right» erhält. Und nebenan wird Candida Höfers Fotografie ‹Ethnologisches Museum III›, 2003, zur Kippfigur: Die in Schutzanzüge gehüllten Wissenschaftler, die Objekte für die Sammlung aufbereiten und damit ihrer Magie entkleiden, entpuppen sich gleichsam selbst als Akteure eines magischen Rituals. Den Animismus in den Griff zu bekommen mag dem Menschen kaum gelingen. Aber einen Begriff kann er sich von ihm machen. Mitunter am besten in den Bildern der Kunst.

Bis: 06.05.2012



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Ausgabe 5  2012
Ausstellungen Animismus. Moderne hinter den Spiegeln [16.09.11-29.01.12]
Institutionen Generali Foundation [Wien/Österreich]
Autor/in Verena Kuni
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