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Editorial
6.2012





  
Los Carpinteros · Cuarteto rebele, 2012, Holz, Chrom, Metall, Dimensionen variabel, Courtesy Ivorypress, Madrid, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry


So heiss, dass der Asphalt schmilzt, wird es bei uns zwar nicht. Dennoch können wir uns vorstellen, was dies bedeutet. Die Kleider kleben, die Füsse quellen auf, der Schweiss rinnt in die Augen und das Sichtbare verschwimmt. Diesen Prozess haben Los Carpinteros, die Kubaner Antonio Castillo Valdés und Dagoberto Rodríguez Sánchez, in ein Bild gebannt. Sie lassen Instrumente von Strassenmusikern - ein Cello, ein Schlagzeug und eine Fasstrommel - wie überreifen Weichkäse vor unseren Augen wegschmelzen und konstatieren: Die Hitze zerstört die Konstruktion, das Design.
Kreieren hat immer sowohl mit Konstruktion als auch mit Destruktion zu tun. John Cage hatte den Begriff des Komponisten durch «Klangorganisator» ersetzt und schrieb im ‹Credo› 1937: «Die Schlagzeugmusik ist der zeitgenössische Übergang von einer auf Klavier bezogenen Musik zu einer Allklangmusik der Zukunft. Jeder Klang ist für den Komponisten von Schlagzeugmusik annehmbar; er erforscht das akademisch verbotene ‹nichtmusikalische› Klangfeld, soweit dies manuell möglich ist.» Los Carpinteros tun dies auf visueller Ebene, sie erforschen nichtkünstlerische Motive und Bereiche: die Flugbahn von Pingpongbällen, Hochhäuser, die alles Menschliche wie Schubladen verschlucken, oder brandschwarze Vestons, die zu einer kompakten Kleiderwand geschichtet sind.
Klassische Musik hat mit Form, Rhythmus und Disziplin zu tun, ebenso wie akademische Kunst. Daran reibt sich auch die Künstlerin und Musikerin Quynh Dong. Bei einer Performance malte sie auf dem Boden kauernd auf weissen Zeichnungsblättern den Schatten einer Blume nach, Bogen um Bogen, bis sie in einem Meer von Zeichnungen zu ertrinken schien. Perfektion zieht an und provoziert zugleich, nicht nur im künstlerischen Bereich. Claudia Jolles



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Ausgabe 6  2012
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