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Fokus
6.2012


 Der Paarlauf ist gerade auf dem Gebiet der Kunst, wo jeder seine Einzigartigkeit entwickelt und exponiert, kein einfacher. Man muss das Eigene und das Andere zu einer gemeinsamen ästhetischen Botschaft zusammenfügen. Los Carpinteros - die Schreiner, wie man sie auf Kuba heisst - erschaffen im Duett Ikonen von jener souverän schlichten, dunklen, suggestiven, narrativen und manchmal heiteren Qualität, die Meister wie Meret Oppenheim oder Robert Gober auszeichnet.


Los Carpinteros - Das Augenzwinkern kubanischer Zimmermänner beim Bedienen des Sternengrills


von: René Ammann

  
links: Movimiento de Liberación Nacional, 2010, Courtesy Los Carpinetros und Ivorypress, Madrid
rechts: Mitte: Patas de rana, 2010, Courtesy Ivorypress, Madrid; links: Knin Lego (Tríptico), 2012, Courtesy Sean Kelly Gallery, New York; rechts: Carretera de Tornillos, 2003, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary. Courtesy Galerie Peter Kilchmann. Foto: Dominique Uldry


Künstler reagieren, wenn von einem Medienvertreter zum Gespräch gebeten, oft argwöhnisch, unwirsch oder abweisend. Das Werk wisse mehr als ihr Schöpfer, sagen sie, Fragen wie die nach ihrer ersten Erinnerung halten sie für einen unerhörten Eingriff in die Privatsphäre, die Verknüpfung von Leben und Werk ist ihnen grundsätzlich zuwider - und Humor in all seinen Facetten sowieso fremd.
Wie erfrischend herzlich, unkompliziert, offen und zeitweilig selbstironisch dagegen die zwei Kubaner, die jüngst im Kunstmuseum Thun ihre Ausstellung ‹Silence your eyes› - oder auf Spanisch ‹Calla tus oyos› - einrichteten. «Wobei das kein Titel ist, sondern eine Aufforderung», sagt Marco. «Wir fanden den Satz zufällig, er ist an sich falsch, man kann ja nicht mit den Augen schweigen», fügt Dago bei. «Er zeigt eine Haltung: Schau hin und mach deine Arbeit!», ergänzt Marco.
Marco Antonio Castillo Valdés und Dagoberto Rodríguez Sánchez sind Los Carpinteros, seit 2003 der Dritte im Bunde, Alessandre Arrachea, ausstieg. Das Trio hatte sich an der Kunstakademie in Havanna, Kuba, kennengelernt und ab 1991 den Individualismus zugunsten des kollektiven Werkes aufgegeben. Die Verschmelzung des Schaffens ging so weit, dass Dago in der Nacht erwachte und sich fragte: «Wer bin ich eigentlich?»
Wie sie zum Namen ‹Los Carpinteros› kamen? Ihre ersten Arbeiten waren in Holz gefertigt. Gingen sie zu Handwerkern oder Freunden, empfing man sie mit den Worten: «Aha, da kommen wieder die Schreiner!» 1994 übernahm das Trio den Spitznamen. Los Carpinteros - die Schreiner. Aus Holz sind auch jene bis zu drei Meter hohen Modelle von sechs existierenden Hochhäusern in Havanna. Die Stockwerke tragen Knöpfe, an denen man die Wohnungen wie Schubladen herausziehen kann. Die Arbeit ‹Downtown› stammt aus dem Jahr 2003, und drei Modelle sind in Thun zu sehen.

Die Flugbahn eines Pingpong-Balls
«Du kannst jederzeit Fotos machen», sagt Marco. Er montiert weisse, schlauchartige Röhren auf einen blauen Pingpong-Tisch. Sie zeichnen die Flugbahnen der Bälle nach. «Wir haben im Studio auch so einen Tisch», erklärt er. «Die Arbeit in Indianapolis ist ästhetisch ähnlich, wir zeigen ebenfalls Flugbahnen», ergänzt Dago, «aber es geht um Basketball, und die Arbeit war viel, viel grösser und steht im Freien, zudem sind die Röhren rot oder blau. Man kann den Platz für alles benutzen, ausser für Basketball.»
Indianapolis? Das liegt in den USA, und die bestrafen Kuba seit fünfzig Jahren mit einem Embargo, in erster Linie darum, weil Fidel Castro nach der Revolution von 1959 US-amerikanische Bürger enteignet hat. Dürfen die Carpinteros denn in die USA reisen? Für Dago kein Problem, sagt er, doch Marco wird die Ausreise ins Ausland ab und zu verweigert. Warum? Er zuckt die Achseln. «Ich weiss es nicht.»
Kuba ist im Werk der beiden auf die eine oder andere Art immer präsent. Nehmen wir ‹Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten›. Sie besteht aus drei kindergärtnergrossen, schwarzen Nachbauten riesiger Schilder, die Einwohner und Besucher am Ortseingang mit Parolen wie ‹SOCIALISMO O MUERTE› empfangen - Sozialismus oder Tod. Die in die Schilder eingelassenen Lautsprecherchen bilden ein lächelndes Smiley für gute Nachrichten und ein enttäuschtes Smiley für schlechte. Das mittlere Schild ist mit Lautsprechern übersät. «Wofür stehen diese?», fragt Helen Hirsch, die Leiterin des Thuner Kunmuseums, bei unserem Rundgang. «Hm. Das ist mir gerade entfallen», antwortet Dago mit entwaffnender Offenheit, «da müssen wir Marco fragen.» Der sagt: «Kuba ist ein Land der gefrorenen Minuten, es zeigt die fragmentierten Nachrichten oder Aufrufe an die Bevölkerung.» Er zieht den Scheinwerfer vom ersten Schild weg und sucht einen neuen Standort. «Ich muss die Beleuchtung anpassen. Die Arbeit entstand ja in unserem Studio, und das hat keinen Parkettboden wie hier, zudem ist der Raum hier viel kleiner.»
Still wie die ‹Guten Nachrichten› sind im Raum daneben auch die vier Instrumente, die in der Hitze geschmolzen sind und schlaff vor sich hindösen (Cover). Drei sind noch halbwegs erkenntlich als Cello, Conga und Schlagzeug. Das vierte ist bloss noch ein Fladen silberfarbenes Metall. «Kubanische Musiker treten häufig als Quartett auf», erklärt Marco und fragt: «Ist es in der Schweiz manchmal auch so heiss, dass der Asphalt schmilzt?» Weich, das ja, aber gleich schmelzen, das nicht. «Auf Kuba ist der Asphalt oft so flüssig, dass ein Huhn, wenn es überfahren wird, platt im Teer kleben bleibt. Und niemand es wegräumt oder wegräumen kann», erzählt Dago. Welche Musik würde das Quartett spielen? Rumba? Salsa? «Möglich», meint er. «Eher Latin Jazz», präzisiert Marco und fährt dann fort: «Die Hitze zerstört das physikalische Konstrukt, das Design. Wir spielen gern damit, das Design in einen anderen Zustand zu übertragen.»

Ein Stern für Würstchen
‹Movimiento de Liberación Nacionál› ist der Titel der Arbeit im folgenden Raum. Sie besteht aus zwei schwarzen fünfzackigen Gartengrills auf Röllchen und Deckel, wie sie in vielen Schweizer Haushalten auf dem Balkon rosten. Bloss haben die Carpinteros die Grillstationen als sternenförmige Skulpturen nachbauen lassen und der Arbeit den Titel ‹Bewegung zur nationalen Befreiung› verpasst. So wird der stolze Rote Stern, Symbol der klassenlosen Gesellschaft im Sozialismus, zum schicken schwarzen Designteil der Mittelklasse, die auf dem kontrollierten ewigen Feuerchen ihr Würstchen wendet.
Humor ist in der Kunst, ob zeitgenössisch oder nicht, so selten wie ein Schriftsteller, der für Komödien den Nobelpreis für Literatur erhält. Er passt nicht in ein Weltbild, das dem Betrachter vorschreiben will, Kunst sei a priori etwas Tiefes, Gedankenschwangeres. Und Ironie daher oberflächlich und leicht entschlüsselbar. Wer so denkt, kann mit den Werken der Carpinteros so wenig anfangen wie mit der Ikone ‹Meine Gouvernante› von Meret Oppenheim. Zwei jungfräulich weisse Stöckelschuhe auf einem Silbertablett serviert, zusammengeschnürt wie ein gebratenes Huhn und garniert mit zwei weissen Hütchen: Dieses Symbol der Rolle einer Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist an Dichte und bissigem Witz kaum zu übertreffen. Witz macht wehrlos. Und darum geht er unter die Haut. «Wir bevorzugen es, uns als seriöse Menschen darzustellen», kommentiert Dago, «und ab und zu reissen wir ein Witzchen.»

Ein Denkmal für die Industrie
Gross werden die Skulpturen sein, die Los Carpinteros für die Skulpturenausstellung ‹Art and the City› am Escher-Wyss-Platz in Zürich aufstellen werden. Wo Thomas Demands ‹Nagelhaus› hätte stehen sollen, aber an der Volksabstimmung scheiterte, errichten die zwei Kubaner fünf Werke aus rotem Ziegelstein. Es sind Vergrösserungen von Aufsätzen, die man bei Akku-Schraubenziehern einsetzt. Etwa ein Aufsatz für Sechskant- oder Inbus-Schrauben. Viereinhalb Meter hoch werden die Skulpturen sein, in Deutschland vorgefertigt und in Zürich zusammengefügt. Ein Denkmal für die Industrie, die das Industriequartier längst verlassen hat. «Ich glaube, die Arbeit ist perfekt für diesen Standort», konstatiert Marco. Zwanzig Skulpturen sollen es insgesamt werden, doch fünf sind bis Ende September in Zürich.
«Da muss ich dir noch eine Geschichte erzählen», sagt Marco, «wir stellten drei der Skulpturen zur Eröffnung des frisch renovierten Nationalmuseums in Havanna auf. Bezahlt haben wir das selber bzw. ein Sponsor, denn dem Museum fehlt das Geld. Die Säulen hätten nur ein paar Monate dort stehen sollen. Und nun ruft immer wieder die Direktorin an und sagt, wir sollen die Werke abräumen. Offenbar hat der Architekt des Museums reklamiert. Aber das Museum hat kein Geld, um die Arbeit zu zerstören oder abtransportieren zu lassen. Und wir finden, die ist doch hübsch vor dem modernistischen kubanischen Gebäude! Also lassen wir sie dort stehen.»
«Sie ist so wunderbar Unterschicht», sagt Dago. «Nicht wirklich Swiss Made», sagt Marco. «Alle Ziegel sind anders. Sehr tropisch!», sagt Dago. Und dann lachen sie laut. Und Helen Hirsch und ich lachen mit.
René Ammann ist Buchautor, Reporter und Produzent. Er lebt in Zürich.

Bis: 23.09.2012


Los Carpinteros
Dagoberto Rodríguez Sánchez (* 1969, Cuba)
Marco Antonio Castillo Valdés (* 1971, Cuba)
1994/95 Abschluss des Superior Art Institute of Havana (ISA)
Leben in Havanna, Cuba

Einzelausstellungen seit 2010
2012 Kunstverein Hannover; Matadero de Madrid; Centro Galego de Arte Contemporáneo, Santiago de Compostela; Kunstmuseum Thun
2011 ‹Los Carpinteros. Handwork - Constructing the world›, Es Baluard Museu d'Art Modern i Contemporani de Palma; ‹Casa e Aviao›, Galería Fortes Vilaça, Sao Paulo; ‹El gran Picnic›, Galería Habana, Havana; ‹Rumba Muerta›, Sean Kelly Gallery, New York; ArtPace, San Antonio, Texas
2010 ‹Drama Turquesa›, Ivorypress Art and Books, Madrid; ‹Opener 19: Los Carpinteros›, The Frances Young Tang Teaching Museum and Art Gallery at Skidmore College, New York



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Ausgabe 6  2012
Ausstellungen Los Carpinteros [28.04.12-08.07.12]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in René Ammann
Künstler/in Los Carpinteros
Link http://www.artandthecity.ch
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