Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
6.2012


 Vietnam und Bern-Bümpliz - Videokunst und Bauernmalerei; ‹Drunger u drüber›. Alles Gegensätze, die Quynh Dong in ihrem Werk virtuos zu einer Synthese bringt. Wobei ‹Drunger u drüber› der Name von Dongs Band ist, bei der sie berndeutsche Texte über vietnamesische Melodien singt. Zum Beispiel an der ‹Liste› in Basel.


Quynh Dong - Videoeinspielungen aus dem Paradies


von: Daniel Morgenthaler

  
links: My Paradise 02, Video, 2012, 15', Binz39
rechts: Yesterday, 2009, Performance (Den Schatten einer Blume malen), 40', Hespérides II, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne. Foto: Hélène Tobler


Das Paradies ist immer woanders. In Vietnam zum Beispiel stellt man es sich in Neuchâtel vor: «Als ich mich einmal in einem Fotostudio in Vietnam mit Verwandten fotografieren liess, sollten wir uns vor eine idealisierte Landschaft stellen. Zufälligerweise zeigte sie den Neuenburgersee», erinnert sich Quynh Dong. Die 30-Jährige lebt seit 1990 in Bern und Zürich, skypt aber nach eigenen Angaben ständig mit Vietnam. Sie sei süchtig nach vietnamesischen Seifenopern. Aktuell zeigt sie nun Videos, die sich an solchen orientieren, in ihrem Atelier der Stiftung Binz39 in Zürich und stellt dort die Szenen nach.
Vielleicht liegt ja das Paradies unserer immer mobileren und digitaleren Welt weder in Neuchâtel noch in Vietnam. Sondern irgendwo dazwischen, in einer Synthese zwischen verschiedenen Idealvorstellungen - und zwischen verschiedenen Kulturen. Wenn dem so ist, dann bezeichnen Dongs Arbeiten einen möglichen Weg zu dieser paradiesischen Konvergenz.

Paradies Marke Eigenbau
Zum Beispiel in ihrer Einzelausstellung zum Abschluss ihres zweijährigen Aufenthalts in einem Atelier der Stiftung Binz39: Einerseits zeigt sie hier die Videoarbeit ‹My Paradise 01› von 2011. Dafür filmte Dong ihre Eltern und transferierte dann diese Aufnahmen in die gebaute Paradiesvorstellung ihres Vaters: Eine modelleisenbahnartige Landschaft mit Pavillons, Schwänen und Blumen. Daneben zeigt sie das Originalmodell, das sonst in der elterlichen Wohnung in Bern-Bümpliz steht.
Dieser Ideallandschaft Marke Eigenbau stellt Dong andererseits eine typisch schweizerische Idealvorstellung gegenüber: in der Malerei eines befreundeten ehemaligen Landwirts und Musiklehrers aus dem Emmental. «Der Maler Gerhard Geissbühler hatte vor unserer ersten Begegnung noch keine Vietnamesin kennengelernt», so Dong. Jetzt stellt er seine Bilder bereits neben ihren Videos und neben der modellierten Traumlandschaft ihres Vaters aus. So schnell kommt mit dem quirligen Antrieb der Künstlerin bisweilen eine Synthese zustande.

Bauern- und Lackmalerei
Mit einer anderen hier gezeigten Videoarbeit - ‹In the garden›, 2011 - bezieht sich Dong wiederum auf die vietnamesische Lackmalerei, beziehungsweise auf ein ganz bestimmtes Lackgemälde mit dem Titel ‹Thieu nu trong Vuon›. «Die Tradition der Lackmalerei veränderte sich in Vietnam unter dem Einfluss der französischen Kolonialherren. Als sich diese zu Zeiten des Impressionismus zurückzogen, blieb auch die Lackmalerei in Vietnam in dieser Epoche stehen», erklärt Dong.
Sie selbst überführt die traditionelle Malerei nun wiederum in das vergleichsweise junge Genre der Videokunst: Sie hat ihre Familie gebeten, im - typisch mittelländischen - Garten ihres Hauses in Bern-Bümpliz nach Art der Modelle der Lackmaler, also in traditionelle vietnamesische Gewänder gekleidet, zu posieren. These und Antithese - Schweizer Mittelmass und vietnamesische Tradition - gehen hier in einem Dritten auf.
Eine solche Synthese kommt aber nicht nur im Videobild zustande. Sie kann bei Quynh Dong auch musikalisch entstehen: Zum Beispiel bei ihrer mittlerweile aufgelösten Band ‹7 Dong›. Hier spielt die Dialektik aber auf den ersten Blick eher zwischen Hochkultur und Pop: Wenn die Band etwa im Foyer der Kunsthalle Bern in schwarzweissen Outfits ihre Coverversionen von vietnamesischen Liebesliedern vorträgt.
Doch kann nicht jedes Lied für die Hörerin oder den Hörer ein kleines Paradies auf Zeit darstellen? Diese Tatsache nützt Dong für eine Aktion an der Eröffnung der Sinop Biennale in der Türkei im August dieses Jahres aus. Sie wird vor Ort mit ganz unterschiedlichen Einwohnern der kleinen Stadt am Schwarzen Meer deren Lieblingslieder eruieren und diese dann gemeinsam an der Eröffnung aufführen. Der Wille zur Partizipation ist sicher grösser, wenn man sich bei einem Projekt intensiv mit seinem ganz persönlichen Fünfminutenparadies beschäftigen darf.

Austausch zwischen den Kulturen
Und welches ist wohl Dongs Lieblingslied? «Die Vietnamesin in mir hört viele Chansons aus der sogenannten gelben Phase, die nach der roten Phase von Kriegsliedern kam. Als Schweizerin aber höre ich fast nichts...», so Dong. Ab und zu allerdings etwas Francine Jordi bei der Recherche für das Schreiben der Stücke ihrer neuen Band ‹Drunger u drüber›. Hier singt Dong nämlich berndeutsche Texte über typisch vietnamesische Melodien. Der Dialekt lässt eine ähnliche Dialektik entstehen wie in der Binz-Schau, bei der zwei kulturelle Antithesen verschmelzen, beziehungsweise ein symbolischer Tauschhandel zwischen verschiedenen Kulturen stattfindet.
Burkhard Meltzer, Kurator des Performanceprogramms der diesjährigen Liste in Basel, hat Dong jedenfalls mit ‹Drunger u drüber› zu seinem Projekt ‹Gibst Du mir Steine, geb ich Dir Sand› eingeladen, das sich der künstlerischen Beschäftigung mit Tauschhandlungen widmet. Der Austausch erfolgt dann in der stark internationalisierten Messeatmosphäre natürlich nicht nur zwischen der Schweiz und Vietnam. Und für manch einen im Publikum wird Berndeutsch genauso unverständlich sein wie Vietnamesisch.
Der Wirkung von Quynh Dongs Performance wird das keinen Abbruch tun. Das Paradies mag sich noch irgendwo zwischen den Kulturen verstecken. Mit Dongs filmischen Arbeiten haben wir aber bereits einmal Videoeinspielungen daraus. Und mit ihren Musikprojekten den Soundtrack dazu.
Daniel Morgenthaler, freischaffender Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmhaus Zürich, lebt in Zürich.


Bis: 22.07.2012


Quynh Dong (*1982, Hai Phong) lebt in Zürich
2008-2010 Master of Art in Fine Arts, Zürcher Hochschule der Künste
2005-2008 Hochschule der Künste in Bern
2000-2004 Fachklasse für Grafik in Biel

Gruppenausstellungen
2004 ‹Bild ist Weg ist Bild›, Centre Pasquart, Biel
2008 ‹Father why don't you see me?›, Marks Blond Project, Bern
2010 ‹What's the difference›, Stadtgalerie Bern
2011 ‹Wer ist der/die beste Künstler/in mit Bernbezug? ›, Milieu, Bern; ‹Catch of the Year›, Dienstgebäude, Zürich
2012 Gruppenausstellung, Binz39, Zürich; ‹On Paper›, Bernhard Bischoff & Partner, Bern

Performances
2008 ‹Gestern›, ‹Happy Aushang›, Les Complices, Zürich; ‹Hairwash›, Kunsthalle Bern
2009 ‹Shadow-archive›, OVRA Archives Launch Event, Kunsthalle Bern
2010 MA Show 2010, Shedhalle, Zürich
2011 ‹Ngoc Lan forever›, ‹Play-Mobile› Hunziker-Areal, Oerlikon
2012 ‹Zrügg zu dir›, New Jerseyy, Basel; ‹When Time Stands Still›, Galerie Lucy Mackintosh, Lausanne

‹Gibst Du mir Steine, geb ich Dir Sand›, Performanceprogramm Liste 17, Quynh Dong, 11.6., 18 und 20 Uhr



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 6  2012
Ausstellungen Quynh Dong [31.05.12-30.06.12]
Institutionen Binz 39 [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Quynh Dong
Link http://www.liste.ch
Link http://www.sinopale.org
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120523115615YTA-2
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.