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Fokus
6.2012


 Die siebte Ausgabe der Berlin Biennale ist eröffnet und die Kritik ist gespalten: Zu viel Politik, zu wenig Kunst? Raimar Stange und Pablo Müller sprechen über die kontroverse Ausstellung und stellen fest, dass Politik und Kunst kein Widerspruch sein müssen.


Berlin Biennale - Forget Fear


von: Raimar Stange
von: Pablo Müller

  
links: Pawel Althamer · Draftsmen's Congress, in der St. Elisabeth-Kirche. Alle Fotos: Marta Gornicka
rechts: Key of Return, 2012, KunstWerke Berlin


Müller: Die Pressekonferenz der Berlin Biennale fand in der Villa Elisabeth statt, einem wunderbaren, in antik-griechischem Stil gebauten Haus in Berlin Mitte. Im ersten Stock, einer Art Plenarsaal, sassen die Leute dicht gedrängt. Unüblicherweise befanden sich die Kuratoren mitten im Getümmel, statt auf einem Podium. Die Anordnung der Stühle in einem Kreis, so erläuterte Artur Zmijewski, sei eine Anregung der Aktivisten der Occupy-Bewegung. Nach einer Einführung von Seiten des Kuratoriums erhielten die Aktivisten das Wort, verlasen ein Manifest und setzten an, nicht nur von Demokratie zu reden, sondern die anwesenden Medienleute aufzufordern, selbst zur Tat zu schreiten. Ein bestimmtes Verständnis von Politik, wie es hier bereits anklingt, prägt auch das Bild der Ausstellung vor Ort. So wird Politik mit Aktivismus gleichgesetzt. Ganz im Sinne: Du musst nur wollen, dann kannst du die Welt auch verändern.

Stange: Nicht Politik prägt «das Bild der Ausstellung», sondern Kunst. Es handelt sich bei Artur Zmijewski um einen Künstler, der hier als Kurator, zusammen mit Joanna Warsza, seiner Co-Kuratorin, eine Biennale zusammenstellt. Und in einer solchen ist nun mal Kunst zu sehen. Genau wie ein Urinoir dank Marcel Duchamp zu Kunst wurde, so wird es hier der Aktivismus der Occupy-Bewegung, deren Vertreter im unteren Ausstellungsraum der KunstWerke campieren. Das Spannende dabei ist, dass so unser Kunstbegriff höchst produktiv hinterfragt wird. Schliesslich ist zeitgenössische Kunst in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu einer ziemlich selbstbezüglichen - und dekadenten - Sache für wohlgebildete bzw. finanzstarke Lucky Few geworden. Da spielt diese Biennale Gott sei Dank nicht mit.

Occupy-Basiscamp in den Kunstwerken
Müller: Klar, es geht um Kunst. Doch, wie du auch sagst, um Kunst, die sich nicht nur um sich selbst dreht, sondern auf aktuelle gesellschaftliche Konflikte reagiert und diese in den Blick nimmt. Die Frage ist nun, wie sie dies tut. Im Occupy- Basiscamp in den KunstWerken malen Aktivisten Transparente, Flyer liegen auf, Plakate mit Aufrufen hängen an den Wänden. Diese Protest-Ästhetik setzt sich in den anderen Räumen fort. ‹Breaking the News› versammelt Videodokumentationen von Künstlern, Netzaktivisten und politischen Kollektiven zu einem Panorama der aktuellen weltweiten Proteste. Auch in der Wandzeichnung der in Minsk geborenen Künstlerin Marina Naprushkina, im Raum neben dem Video-Panorama, geht es um Widerstand, hier gegen das diktatorische Regime in Weissrussland. Eine Ästhetik des Aktivismus prägt die aktuelle Berlin Biennale. Das Politische wird dabei auf Kampagnenarbeit reduziert. Der Alltag, die Konflikte im Kleinen, die Ambivalenzen bleiben aussen vor. Artur Zmijewski und Joanna Warsza haben sich eher für die grossen, symbolträchtigen Gesten entschieden.

Stange: Das Leben in einem Occupy Camp ist für die Aktivisten Alltag, und auch das Pflanzen der Birken in dem Projekt ‹Berlin-Birkenau› von Łukasz Surowiec ist eher eine kleine Geste. Der Künstler will junge Birken in Berlin pflanzen, an Orten, die in Verbindung zu Holocaust und Deportation stehen. Die Bäume stammen aus der Umgebung des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Die Pflanzaktion erinnert nicht nur an die Vergasung der Juden im Dritten Reich, sondern versucht auch, Diskussionen um die zukünftigen Beziehungen von Polen und Deutschland anzustiften. Darum ist es dem Künstler wichtig, dass in das Projekt auch Menschen integriert werden, die sonst wenig mit Kunst zu tun haben: Jedermann kann sich Setzlinge abholen, um selbst lebende Denkmäler zu installieren.
Klar spielt die Aktion auf Joseph Beuy's Baumpflanzaktion während der Documenta 1982 an, genauso wie Pawel Althamers ‹Draftsmen's Congress› in der St. Elisabeth-Kirche, wo jeder, der mag, das Innere der Kirche bezeichnen darf, kunsthistorische Vorbilder hat, etwa Aktionen von Christine & Irene Hohenbüchler. Viele Kritiker übersehen aber, wie fast alle Arbeiten der Ausstellung quasi doppelt codiert sind, nämlich einerseits Geschichte der Kunst zitieren, andererseits den Schritt in das «richtige Leben» der Politik unternehmen.

This is your action space
Müller: Die Trennung von dem «richtigen Leben» der Politik und von der Kunst, die auch von dem Kuratorium der Berlin Biennale gezogen wird, löst die Kunst aus der Welt, in der sie stattfindet. Dabei wird, wie ich meine, die Potenz der Kunst, die immer auch Teil der kulturellen Produktion ist, verkannt. Viele auf der Biennale gezeigten Werke wie das ‹Berlin-Birkenau›-Projekt arbeiten mit einer eindeutigen Symbolik. Das Werbebanner des ägyptischen Mobilfunkanbieters Mobilnil, das im Hof der KunstWerke hängt, ist ein anderes, gelungenes Beispiel dafür. Hier wird, von einem Unternehmen, das mit Hosni Mubarak kooperierte, der Stolz auf die gelungene Revolution nun für Werbezwecke benutzt. Die Ambivalenz auf dem Feld der Symbole könnte eine mögliche Klammer der diesjährigen Berlin Biennale sein und verweist auf eine Frage jenseits der Trennung von Kunst und Politik.

Stange: Jein: Ich denke, die Arbeiten symbolischer Ausrichtung sind die eher schwachen der Biennale, die für mich vor allem dann überzeugt, wenn das Motto eingelöst wird, dass die Occupy-Leute in den KunstWerken auf einem Banner geschrieben haben: «This is not our museum, this is your action space.»
Raimar Stange (*1960, Hannover) ist freier Kritiker und Kurator in Berlin.; Pablo Müller ist freier Kunstkritiker in Berlin und Zürich.

Bis: 01.07.2012



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Ausgabe 6  2012
Institutionen KW Institute for Contemporary Art [Berlin/Deutschland]
Autor/in Raimar Stange
Autor/in Pablo Müller
Link http://www.berlinbiennale.de
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