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Fokus
6.2012


 Robert Frank im Robert Walser-Zentrum Robert Frank und Robert Walser? Der Fotograf und der Schriftsteller: Die beiden verbindet auf den ersten Blick wenig. Aber dass sich der Blick der beiden kreuzt, zeigt eine exklusive Ausstellung im Robert Walser-Zentrum Bern. Die Schaltstelle der Walser-Forschung widmet sich damit dem Verhältnis zwischen Walser und der visuellen Kunst.


Robert Frank und Robert Walser - Ferne Nähe


von: Konrad Tobler
von: Michael von Graffenried


links: Tulip/Paris, 1950. Foto: Robert Frank
rechts: Robert Frank im Studio an der Bleeker Street New York (im Hintergrund Schwan-Requisiten aus dem Film ‹Me and My Brother›), 2012. Foto: Michael von Graffenried


Der Blick ist scheinbar distanziert. Die Dinge rücken nicht sofort ins Blickfeld. Viel eher tritt der Betrachter zuerst einen Schritt zurück, schaut sich die Sache an, indem er das Sujet eher umkreist, denn ins Visier nimmt. Auch Ironie ist bei dieser Art des Sehens mit im Spiel, aber eine leise, kaum merkliche. So schliessen sich Distanz und Nähe keineswegs aus, im Gegenteil: Die Distanz ist gewissermassen das Medium der Nähe. Und ein solcher Blick schliesst gerade das nicht aus, was der Philosoph Theodor W. Adorno einst die «Liebe zu den Dingen» nannte. So bei Robert Walser. So auch bei Robert Frank, der sich Walser - bei aller zeitlicher und geografischer Distanz - seit langem verbunden fühlt. Die kleine Ausstellung im Walser-Zentrum zeigt das Werk des bekannten Fotografen nun erstmals in diesem literarischen Kontext und kann auch deswegen als Sensation bezeichnet werden, weil Frank sich selbst an der Konzeption der Ausstellung beteiligte und erstmals seit langer Zeit wieder einmal unbekannte und unveröffentlichte Fotografien zeigt.
Die Ausstellung ‹Ferne Nähe› ist Teil des Profils, welches das Walser-Zentrum Schritt für Schritt entwickelt. Nach etlichen Turbulenzen ist dieses seit 2009 in Bern beheimatet, jener Stadt also, die im unsteten Leben Walsers so etwas wie eine Konstante war. Das Zentrum, geleitet von Reto Sorg und getragen von einer breit abgestützten Stiftung, ist das internationale Kompetenzzentrum der Walser-Forschung, wo auch die neue, kommentierte Berner Ausgabe (KBA) der Walser-Werke erarbeitet wird. Es ist eine öffentlich zugängliche Institution, die zudem regelmässig Ausstellungen präsentiert, so eben aktuell jene von Robert Frank. Das ist keine Ausnahme, liegt es doch auf der Hand, Walsers Werk in Bezug zur bildenden Kunst zu setzen - zumal sein Bruder, der Künstler Karl Walser, ein wichtiger Wegbegleiter des Schriftstellers war. Im aktuellen Jahresbericht ist denn auch zu lesen, dass zu den Forschungsbereichen die intermediale Walser-Rezeption gehört. So wurde 2011 in der Donald Young Gallery in Chicago die von den Galeristen Christine Burgin (New York) und Donald Young (Chicago) in Zusammenarbeit mit dem Robert Walser-Zentrum erarbeitete ‹Mikrogramm›-Ausstellung eröffnet; den Auftakt dieser Reihe ‹In the Spirit of Walser› machte das Künstlerduo Fischli/Weiss. Für 2014 ist im Kunsthaus Aarau eine Ausstellung in Vorbereitung, die von Walser inspirierte Werke internationaler Künstlerinnen und Künstler präsentieren wird. Konrad Tobler, freischaffender Kunstkritiker und Autor in Bern.

Graffenried: Warum bist du Fotograf geworden?

Frank: Da gäbe es einige Antworten, ich denke die beste ist diese: Im oberen Stock unseres Wohnhauses an der Schulhausstrasse 73 in Zürich lebte ein Retoucheur. Mein Vater besass ein Radio- und Grammophon-Geschäft und wollte, dass ich bei ihm arbeite. Doch ich zog es vor, beim Retoucheur zu lernen. Dort habe ich auf Postkarten kleine Wolken in den Himmel gespritzt. So kam ich zur Fotografie, Schritt um Schritt. Mein Vater hat mich später, als ich schon vierzig Jahre alt war, in New York besucht und meinte, er sei auch Fotograf. Ich solle doch jetzt endlich einen richtigen Beruf ausüben und Geld verdienen.

Graffenried: Nach New York hast du dich ja nach einer Lehre in Zürich und Basel sowie einer Anstellung in Genf abgesetzt. Was hast du nach der Ankunft in der Metropole getan?

Frank: Ein Jahr lang machte ich nicht viel. Dann lernte ich Alexey Brodowitch, den Art Director von Harper's Bazaar, kennen, der mich sofort als Fotograf engagierte. Das war ein Riesenglück. Harper's Bazaar hatte eine eigene Shopping Rubrik, für welche ich im Studio kleine Gegenstände fotografieren musste. Später habe ich mich auch noch als Modefotograf versucht, doch dies war auch nicht mein Ding. Gleichzeitig unternahm ich ausgedehnte Reisen nach Peru und Bolivien, aber auch nach Europa. Dabei erkannte ich mein wahres Talent: die Reisefotografie, besser die Strassenfotografie. Ja, ja ich bin ein «Streetphotographer».

Graffenried: Für wen warst du sonst noch tätig?

Frank: Ich hätte gerne für Life gearbeitet, doch die wollten, dass ich eine Geschichte in sechs bis acht Bilder erzähle. Das funktionierte auch nicht, da ich der Meinung war, dass die Geschichte bei mir in einem einzigen Bild schon enthalten ist. Ausserdem ertrug ich es nicht, dass jemand anders einen Text unter mein Bild schreibt.

Graffenried: Du hast dich gegen vieles gewehrt und hast einen «Bärner Gring», wie wir sagen. Was hast du denn eigentlich akzeptiert?

Frank: Was musste ich akzeptieren (überlegt)? Dass man Geld verdienen muss. Man kann nicht träumen und warten, bis der Sankt Nikolaus kommt.

Graffenried: Dann kam mit ‹Les Américans› 1957 der Durchbruch. Es gilt als das wichtigste Fotobuch überhaupt.

Frank: Nach fünf Jahren lernte ich Walker Evans kennen, den berühmten Fotografen. Auf sein Geheiss bewarb ich mich 1954 um ein Stipendium der Guggenheim-Stiftung, welches ich auch bekam. Mit den 3'000 Dollar fuhr ich insgesamt ein Jahr lang mit einem Gebrauchtwagen durch Amerika.

Graffenried: Daraus ist dann das Buch geworden. Zuerst hast du keinen Verleger gefunden, dann war das Buch ein kommerzieller Flop. Warum?

Frank: Amerika wurde immer mit einem lächelnden Mund und guten Zähnen dargestellt. Ich habe die andere Seite der USA gezeigt, und das kam zunächst nicht gut an. Danach wollte ich etwas anderes machen. Mit Jack Kerouac habe ich meinen ersten Film ‹Pull My Daisy› gedreht. Kerouac hat dann brilliant den Ton zum Stummfilm gesprochen.
Graffenried: Mit dem Dokumentarfilm über die Tournee der Rolling Stones ‹Cocksucker Blues› wurdest du 1972 im Handumdrehen zum Kultregisseur.

Frank (lacht): Ja, das war wirklich einmalig. Nachdem ich für die Stones das Cover ihrer LP ‹Exile on Main Street› gestaltete, gab mir die Band den Auftrag, sie auf ihrer Tournee mit der 16mm-Kamera zu begleiten. Das war eine gute Zeit. Den Stones gefiel der fertige Film nicht. Mick Jagger meinte, Keith Richards komme darin besser weg. Ich wurde bezahlt und wir sind übereingekommen, dass ich den Film vier oder fünf Mal pro Jahr vorführen kann, ohne Geld dafür zu verlangen. Der Film zeigt ihre Sex- und Drogenexzesse, das war für die Band scheinbar zu viel. Ich kann mit der Abmachung leben und beklage mich nicht.

Graffenried: Hast du selber auch Drogen genommen?

Frank (lacht und überlegt): You know, you do what you can.

Graffenried: Eine letzte Frage: Was hast du für Gefühle gegenüber den Leuten, die du fotografierst?

Frank: Ich spreche nicht gern mit den Leuten, ich will nur fotografieren und weglaufen.

Michael von Graffenried (*1957, Bern), Fotokünstler mit Wohnsitz Paris. Aktuell mit seinem Projekt ‹Inside Cairo› in der Parker's Box Gallery New York präsent.

Bis: 15.07.2012



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Ausgabe 6  2012
Autor/in Konrad Tobler
Autor/in Michael von Graffenried
Künstler/in Robert Frank
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