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Artists in Residence
6.2012


 Seit 2004 wird im Zürcher Gaswerkareal jedes Jahr ein Gastatelier für ausländische Künstler und Künstlerinnen zur Verfügung gestellt. Der derzeit eingeladene junge Künstler Ilja Karilampi aus Schweden weiss das Umfeld zwischen Industrie und Bildhauerateliers in Schlieren zu schätzen. Das von der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (AZB) ins Leben gerufene Gastatelier bietet dem in Berlin lebenden Künstler nebst einer ruhigen Arbeitsatmosphäre die Möglichkeit, seine bestehenden Kontakte in Zürich weiter zu pflegen.


Ilja Karilampi - Der Charme der Peripherie


  
Ilja Karilampi im Atelier der AZB in Schlieren, 2012. Foto: Cat Tuong Nguyen


Ilja Karilampi (*1983, Göteborg) absolvierte 2005-2012 die Bildhauerklasse von Tobias Rehberger in der Städelschule, Frankfurt, und bewegt sich seither zwischen Grossstädten wie New York, London, Stockholm, Amsterdam, Berlin und aktuell nun Zürich.
Auf die Frage, was ihn in der Kunstszene hier interessiere, antwortet Karilampi, es sei die Mischung aus Spieltrieb und Professionalität, die ihn inspiriere. Er pflegt hier nun Kontakte, die er schon vor längerer Zeit geknüpft hat, zu Künstlern wie Mathis Altmann oder Yngve Holen und findet Anschluss an die Szene rund um den Wipkinger Ausstellungsort ‹APNews›, wo er soeben ausgestellt hat. Nebst dem Screening seiner Filme zeigte Karilampi dort seine Version von Skulptur, welche als Requisit aus einer narrativen Geschichte, einer Anekdote oder eben der Dokumentation der internationalen ‹Neighborhood› figuriert. Der Künstler tauschte die Glastür des Ausstellungsraumes mit einer von ihm gebauten Holztür aus und tapezierte diese mit Seiten aus seinem eben fertiggestellten Tagebuch ‹The Hunter in the Armchair›.
Die Tür sei für ihn ein wichtiges Element, sagt Karilampi. Sie verweise mit der Schrift auf den Nutzen, die Bestimmung des dahinter liegenden Raumes. Doch diese Zuweisung in Frage zu stellen, sei nicht zuletzt eine wichtige Intention hinter seiner Arbeit. Denn der Raum der Party und der Raum der Kunst sollen in eine osmotische Verbindung treten. Die erlebten Geschichten im Milieu, im Freundeskreis werden in Karilampis Installationen zu szenischen, kontemplativen Bildern umgewandelt. Diese bilden die Realität aber nicht eins zu eins ab, Alltag, Musikkultur und Party werden zum künstlerischen Dokument.
Ganz im Kontrast zur städtischen Szene steht nun das Umfeld, wo er sein Gastatelier bezogen hat. Wenn der 29-Jährige mit seinem Fahrrad der Limmat entlang von der Stadt zurück zum Gaswerk fährt, empfängt ihn nach zwanzig Minuten eine periphere Industrie aus Lagerhallen, Kunsttransportfirmen und Kletterparks. Diese Abgeschiedenheit bringt Karilampi jedoch etwas, was er im urbanen Rahmen der Kunst nicht oft findet, nämlich die nötige Konzentration auf seine Arbeit. Ebenfalls interessiert den jungen Künstler die künstlerische Umgebung der AZB. Auch wenn an der Städelschule stets die Frage nach einem neuen Material der Bildhauerei gestellt wurde und er an einer Reduktion des Materials arbeitet, respektiert er, wie rund um ihn noch grossformatig in Stein, Holz und anderen traditionellen Materialien gearbeitet wird. Gerade die Tatsache, dass auch ältere Künstler immer noch in dieser Grosszügigkeit arbeiten, fasziniere ihn, sagt Karilampi, und verweist dabei auf die monumentalen Sandsteinquader von Piero Maspoli, welche direkt vor seinem Atelier auf dem Platz stehen.
Generell fühlt sich Karilampi in Zürich aufgehoben, sei es durch den Austausch mit anderen Künstlern oder durch seine Produktivität, die der Ort in ihm auslöst. Seine künstlerische Aktivität widerspiegelt sich jedoch auch in einer körperlichen, beispielsweise in regelmässigen Joggingtouren im Limmattal.
Und was gibt es an Glamour in Zürich zu entdecken? Der Künstler weicht zunächst aus, später gibt er dann doch noch einen Ausgangstipp für die kleinste Grossstadt der Welt. In Kürze wird ‹Lil B› in der Longstreet-Bar auftreten. Der junge Rapper aus San Francisco inszeniert mit der von ihm erfundenen «based music» und einer Vielzahl von Twitter- und Myspace-Seiten ein verwirrendes Spiel rund um den Celebrity-Kult und sprengt dabei deutlich die Grenzen des Musikmarktes. Karilampi interessiert diese Bewegung, die seiner Ansicht nach noch keine richtige Entsprechung in der visuellen Kunst gefunden hat.
Als DJ wird der Künstler übrigens im Rahmen der Ausstellungsserie ‹Conditio Humana› in der Kunstkammer auf dem Gelände seines Ateliers zu hören sein.

Bis: 02.06.2012


Kunstkammer Schlieren, Auftritt von Ilja Karilampi als DJ am 2.6.
Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Übersetzungsförderung ‹Moving Words›.



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Ausgabe 6  2012
Institutionen Kunsthalle Schlieren [Zürich/Schlieren/Schweiz]
Autor/in Pascal Häusermann
Künstler/in Ilja Karilampi
Link http://www.plastiker.ch
Link http://www.longstreetbar.ch
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