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Besprechung
6.2012


Stefan Wagner :  Meist ist etwas einfach oder zutiefst beeindruckend. Im Fall von Haroon Mirzas Ausstellung ‹|||| ||› in Sankt Gallen ist es beides. Mit seinem Auftritt massiert er die menschliche Neugierde und stellt atmosphärische bis erkenntnisbohrende Fragen zum Verhältnis von Kunst, Design und Wissenschaft.


St. Gallen : Haroon Mirza, ‹|||| || ›


  
Haroon Mirza · Digital Switchover, 2012, Ausstellungsansicht Kunst Halle St.Gallen. Foto: Gunnar Meier


Zum Mitwippen eignet sich die Geräuschkulisse in den ehemaligen Lagerhallen kaum. Eher erinnert sie an jene ungewollten Töne, die durch in Betrieb befindliche Mobiltelefone neben Lautsprechern ausgelöst werden. Elektromagnetische Konstellationen bilden denn auch das Herzstück von Haroon Mirzas neuester Arbeit ‹Digital Switchover›. Im ersten und letzten Raum hat der in England lebende Künstler LED-Schlaufen in Rot, Grün und Blau entlang der Pfeiler, Wände, Decken und Böden verlegen lassen. Ein Schelm - und eine handfeste Geschichtsklitterung obendrein wer nun denken mag, dass dies eine kunsthistorische Referenzdisco sei. Assoziationen in Richtung Sol LeWitt oder James Turrell erscheinen aber durchaus statthaft.
Hatte Mirza in der Vergangenheit eher überschaubare objekthafte Werke geschaffen, die oftmals assemblageartig Projektionsflächen und Hi-Fi-Anlagen kombinierten, löst er diese in St. Gallen auf. Nun tritt der Werkcharakter hervor, das Objekt verschwindet zugunsten eines räumlichen Gesamteindrucks. Ähnlich wie die frühe Konzeptkunst hat das einen arbiträren Anstrich und verwischt damit die Grenzen der Kunst. Daran mag auch die Kommandozentrale im mittleren Ausstellungsraum mit Flatscreen und Hi-Fi-Komponenten, die mit Home-Electronic-Design-Ästhetik hausiert, nicht viel ändern. Auf dem Bildschirm plätschert ein Wasserfall vor sich hin, der zwischendurch verzerrte Töne von sich gibt.
Ein Grundton, der in programmierten Schlaufen entsteht, beschallt die gesamte Kunsthalle aus schicken High-End-Lautsprechern. An den Wänden hängen gemäldegalerieartig farbige Schalldämpfer. Die Grenzen der Kunst, so scheint's, überlagern sich mit den Grenzen des Designs. Mirza besitzt die Courage, damit eine angenehme inhaltliche Offenheit zu schaffen. Wohl auch, weil er in einer Ausstellungstrilogie agiert, die er an der Universität Michigan im März diesen Jahres begann, in der Kunst Halle Sankt Gallen fortsetzt, um sie schliesslich in der Schering Stiftung in Berlin enden zu lassen. Man darf auch annehmen, dass er mehr als Forscher und Tüftler denn als Plastiker agiert. Seine Ausstellung ‹|||| ||› - was so viel wie eine typografische Repräsentation einer Wellenbewegung ist - ist als Neulesung von Überlagerungsbewegungen in Kunst, Design und Wissenschaft zu verstehen. Das wiederum wäre eine Renaissance des Erkenntnisdrangs, der dem Menschen eigen ist und ihn mindestens seit dem Mittelalter vorantrieb.

Bis: 01.07.2012



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Ausgabe 6  2012
Ausstellungen Haroon Mirza [21.04.12-01.07.12]
Video Video
Institutionen Kunst Halle Sankt Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Haroon Mirza
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