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Besprechung
6.2012


Gabriel Flückiger :  Unter dem Titel Wiederholen und Ausblenden zeigt das Kunstmuseum St. Gallen Werke von Nadim Vardag. In der Zusammenstellung von reduzierten Video- und Skulpturarbeiten wird eine dichte Situation erzeugt, die Phänomene rund um das bewegte Bild vielschichtig behandelt.


St. Gallen : Nadim Vardag


  
Nadim Vardag · Untitled, 2012


«In der reinen Visualität des Films kann aber jenes Unbestimmte erscheinen, das auch bei den besten Romandichtern nur zwischen den Zeilen zu lesen ist.» Die Ansicht von Béla Balázs von 1924 zur Funktion filmischer Mittel bringt auf den Punkt, was Nadim Vardags (*1980) Videoarbeiten ‹Catpeople I-III›, 2011, sind: Konzentrate spezifischer Erscheinungsqualitäten des Filmischen. Aus dem gleichnamigen Film von Jacques Tourneur isoliert Vardag nämlich jeweils zwei Sekunden einer Nebenszene und zeigt diese in geloopter Endlosigkeit. So werden hypnotisch flimmernde Lichtreflexe eines Swimmingpools zu einem atmosphärisch dichten und spannungsgeladenen visuellen Dokument, das sich nur auf sich selber bezieht.
Vardag thematisiert in seinen Werken aber nicht nur die visuelle Kraft filmischer Eindrücke, sondern genauso auch die Rolle der Filmsprache sowie die Orte der Aufführung. Bei der Arbeit ‹The Night›, 2005, sind 115 Minuten lang die englischen Untertitel von Antonionis ‹La Notte›, 1961, auf schwarzer Fläche zu lesen. Durch den Bildentzug wird sowohl das imaginative Potential der Sprache als auch deren konstitutiver Charakter für das Filmgeschehen vorgeführt. Seine Videos zeigt der gebürtige Regensburger auf ausgewählten Designbildschirmen der Sechziger- und Siebzigerjahre oder projiziert sie auf kleine Wandstücke. Indem er die Screens und Beamer auf Flight Cases, Verpackungsschachteln und bühnenartigen Flächen positioniert, hinterfragt er deren sonstige Rolle als neutrale Darstellungsträger und führt während dem Vorführen gleichzeitig die Vorführungsmittel vor.
Daneben dient das Kino mit seinen klassischen Bildformaten von 4:3, 16:9 und 21:9 als Vorlage für eigenständige skulpturale Arbeiten. Das schwarze, aus Stahlrohren konstruierte Gestänge ‹untitled›, 2012, hat die Seitenproportionen der Kinoformate. Die metaphorische Haltevorrichtung für Leinwände agiert aber ähnlich wie die Arbeit ‹The Night› mit dem Entzug des eigentlichen Gegenstands und weist wiederum auf das hin, was man sonst nicht wahrnimmt: die Bedingung der Projektion.
Bei so viel Sensibilität für den Kontext rückt Vardag nicht zuletzt auch die Ausstellungssituation als solche in den Vordergrund. Plattenkonstruktionen werden als Versatzstück der White Cube-Ästhetik im Raum verteilt und hinterfragen, was Vardag ebenfalls als winzige, Wandkritzel-Intervention kommentiert: «Important aura is placed here.»

Bis: 24.06.2012



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Ausgabe 6  2012
Ausstellungen Nadim Vardag [31.03.12-24.06.12]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
Künstler/in Nadim Vardag
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