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Besprechung
6.2012


Anna Francke :  Zwei Einzelausstellungen von Melanie Smith, in der Galerie Peter Kilchmann in Zürich und der Villa Merkel in Esslingen, zeigen Arbeiten, in denen das Erbe der Abstraktion, surrealistische Verfahren und mexikanische Gegenwart mitschwingen. Vielschichtige Denkräume öffnen sich.


Zürich/Esslingen : Melanie Smith



links: Melanie Smith · Elevador, 2012, Videostill, 1-Kanal-Video, 7'49', Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich 
rechts: Melanie Smith · Ausstellungsansicht, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich. Foto: Thomas Strub


Ein Lift fährt aufwärts. Er hält. Die Tür zum Treppenhaus öffnet sich, doch die Bewohner drängen die Kamera zurück in die Kabine. Schnitt. Nahaufnahme der Mechanik. Schnitt. Blick in den Liftschacht. Schnitt. Close-up auf einen Mund. Schnitt. Die Bewohner versuchen, einen grossen Stein aus der Kabine zu zerren. Dann liegen sie schlafend um den Findling herum - oder sind sie etwa tot?
Die Videoprojektion ‹Elevador›, 2012, ist das Kernstück der Ausstellung von Melanie Smith (*1965, Dorset) in der Galerie Peter Kilchmann. Sie entstand in ihrem Wohnhaus in Mexico City. Dort lebt sie seit 1989 und setzt sich immer wieder mit der Stadt und ihren beinahe endlosen Strukturen auseinander. Ergänzt wird der Film von Arrangements kleinformatiger Objekte, unter denen sich Requisiten aus dem Film wiederfinden: Ein kleinerer Findling aus bemaltem Styropor, ein Gehirn aus Stein und abstrakt-organische Teile wirken, als handle es sich um eine archäologische Auslegeordnung. Ein Styroporquader wird zum Sockel für einen pinkfarbenen Silikonwürfel und Fragmente von Fingerkuppen. Lose platzierte Gemälde zeigen abstrakte und gegenständliche Formen, in Schichten generierte und verwischte Sujets wirken wie ein Blätterwald. Die Verbindung von dokumentarischen Abschnitten und absurden Sequenzen, auf die nur ein knapper Blick gewährt wird, macht ‹Elevador› zu einem irritierenden Film voller Leerstellen. Die Künstlerin knüpft an das surrealistische Verfahren der Kombinatorik an. Und doch sind die disparaten Einzelteile miteinander verschränkt, ohne ein kongruentes Ganzes aufzuzeigen.
Zeitgleich richtet die Villa Merkel in Esslingen mit ‹Short Circuit› Melanie Smiths erste umfassende, institutionelle Einzelausstellung im deutschsprachigen Raum aus. Teilweise überschneiden sich die Exponate mit der im mexikanischen Pavillon der letztjährigen Biennale in Venedig unter dem Titel ‹Red Square Impossible Pink› gezeigten Werkgruppe. Darin werden die europäischen Utopien der Moderne, das Erbe der Abstraktion - wie das ‹Rote Quadrat›, 1915, von Kasimir Malewitsch - mit der Gegenwart, einem paradox empfundenen Alltag und nach eigenen Gesetzen funktionierendem sozialen Raum in Mexico City überlagert. Auch in der Zürcher Ausstellung schliessen sich Gegensätze nicht aus: geometrische Formen und organische Auswüchse, Peripherie und Zentrum, rationale Ordnung und Chaos, Realität und Fantastik, Architektur und Natur. So entstehen neue, offene Denkräume.

Bis: 24.06.2012



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Ausgabe 6  2012
Ausstellungen Melanie Smith [22.04.12-24.06.12]
Institutionen Galerien der Stadt Esslingen [Esslingen/N/Deutschland]
Institutionen Peter Kilchmann [Zürich/Schweiz]
Autor/in Anna Francke
Künstler/in Melanie Smith
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