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Besprechung
6.2012


J. Emil Sennewald :  Was ist der Unterschied zwischen einem Aktmodell und einer Grapefruit im Ausstellungsraum? Es gibt keinen. Zumindest nicht bei Urs Fischer. Er macht mit beiden hungrige Augen. Jüngst nährte der Zürcher den Augenhunger gleich mehrmals: bei Gagosian in Paris, in der Kunsthalle Wien und im Palazzo Grassi Venedig.


Venedig : Urs Fischer, ‹Madame Fisscher›


  
Urs Fischer · Old Pain, 2007, John Kaldor Collection, Australia. Foto: Stefan Altenburger


Dass der 39-jährige Bildhauer längst einer der grossen unter den Zeitgenossen ist, sich nicht hinter den älteren Damian Hirst (46) oder Jeff Koons (57) verstecken muss, seinen Bronze-Teddy für € 6,8 Millionen verkauft hat, 15 Mitarbeiter in seinem New Yorker Atelier beschäftigt, Familienmensch ist und nichts mehr liebt als seine dreijährige Tochter Lotti - all das braucht hier nicht wiederholt zu werden. Aber wie schafft er es, die Augen hungrig und den Sinn wach zu halten? Eine Grapefruit hängt mit anderen Früchten einige Zentimeter über dem weissen Marmorboden der Pariser Galerie Gagosian. Sie wird während der Ausstellung vergammeln, inszeniert das kunsthistorische Thema der Vanitas. Nebenbei vergleicht Fischer frech einen der mächtigsten Kunsthändler der Welt mit einem Obsthändler. In Venedig zerfliesst er seinem Sammler, der naturgemäss am Objekt festhalten will, buchstäblich unter den Augen. Während seiner bisher grössten Solo-Schau in Europa brennt ein lebensgrosses Selbstporträt in Parrafin im Palazzo von Multimilliardär François Pinault als Kerze langsam nieder.
Urs ist Punk, mit poppiger Attitüde. Im Zentrum der Eingangshalle des Palazzo steht die Installation ‹Madame Fisscher›, Nachbau des Ateliers, das er Ende der Neunziger in London nutzte. Mit trashigem Interieur und Müll vor dem Fenster bricht sie mit dem marmornen Machtgestus des venezianischen Palastes. Fischer reagiert auf den genius loci: «Er kennt das Haus wie kaum ein anderer Künstler der Sammlung», erklärt Caroline Bourgeois, Kuratorin der Pinault-Stiftung. In einem Saal räkelt sich auf einem bunten Sofa ein lebendiges Aktmodell. Die nackte Kunststudentin ist dem Voyeurismus des Publikums ausgesetzt. Zwischen ‹Necrophonia›, 2011, grob geformten Bronzefiguren, die Fischer mit seinem ehemaligen Lehrer Georg Herold realisiert hat, wird sie zur Reflexion darüber, wie Formloses Form, wie Materie Körper gewinnt. Und stellt auch die skulpturale Geste in Frage: Wo beginnt Bewegung, wo endet Verformung, wann verliert die Skulptur ihren Lebensbezug, wann wird sie Symbol, wann Fetisch?
Auf dem Heimweg, im schaukelnden Vaporetto auf dem Canale Grande, schwimmt auf dem schmutzigen, vom Regen zur porösen Fläche aufgelösten Wasser eine Orange vorbei. Gute Kunst beginnt, wenn man nicht mehr genau zu sagen weiss, wann sie endet.

Bis: 15.07.2012



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Ausgabe 6  2012
Ausstellungen Urs Fischer [15.04.12-15.07.12]
Institutionen Palazzo Grassi [Venezia/Italien]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Urs Fischer
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