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Besprechung
6.2012


Françoise Theis :  Als Inspirationsquelle dient Martial Leiter seit Jahren der mittelalterliche, oft ironisch erscheinende Totentanz. Inhaltlich kreist das künstlerische Werk um die Themen Wirtschaft, Wachstum und Informations-Gesellschaft. Mit seinem Baseler ‹Totentanz› schafft der Künstler ein mehrfach ortsspezifisches Werk.


Basel : Martial Leiter, ‹Totentanz und Weltenlauf/Satirische Zeichnungen›


  
Martial Leiter · Totentanz (Ausschnitt), 2012


«Je ne vois pas pourquoi les lecteurs ne devraient plus prendre le temps de regarder un dessin. Les mathématiques rapides, ça n'existe pas. Toute équation réclame un peu de temps.» So äussert sich Martial Leiter (*1952, Fleurier/Neuchâtel) im Katalog zur Ausstellung. Der als Maschinenzeichner ausgebildete Autodidakt hat schon als 17-Jähriger politische Zeichnungen in Zeitungen platziert und in der Folge für Medien wie NZZ, Die Zeit oder Le Monde gearbeitet. Mit seiner seit den Neunzigerjahren vorwiegend künstlerischen Arbeit garantiert er unterdessen, dass sich mehr (Betrachtungs-)Zeit genommen wird. Der Zyklus ‹Totentanz› kann auf eine einfache Aussage heruntergebrochen werden: Der Tod spielt Golf.
Wäre es ein mathematischer «Satz», so gälte es, diesen zu beweisen. Kunstwissenschaftlich geht es um dessen vielschichtige Bedeutungen. Die insgesamt zwanzig grossformatigen Schwarzweiss-Zeichnungen in Tusche, Acryl und Bleistift werden durch eine durchgängige Landschaftsdarstellung sowie den Bezug zwischen Golfspieler und Golfball verbunden. Sechs Bilder ragen aus dem fortlaufenden Band durch ihre Grösse, den Träger aus Spanplatten und die leicht prominente Hängung heraus. Auf ihnen ist das Skelett Tod mit Golfschläger in typischen Golfposen zu sehen. Die 14 weiteren Teile, mit variierender Breite auf dickem Büttenpapier, sind in Zweier- oder Dreier-Gruppen dazwischen gestreut und zeigen eine fast menschenleere Einöde, aus welcher der Golfball immer wieder aufblitzt. Der Tod spielt also Golf - nach getaner Arbeit. Irritierend ist das installative, stark spiegelnde Schutzglas vor dem haptischen Büttenpapier. Damit gelingt eine weitere Aktualisierung: Der Mensch des 21. Jahrhunderts gewahrt seine (gerahmte) Welt durch Schaufensterscheiben, Bildschirme mit Börsenkursen, Computerscreens und Smartphone-Anzeigen.
Was ‹Totentanz› darüber hinaus auch auszeichnet, sind die vielen kunsthistorischen und ortsspezifischen Bezüge: Werke von Goya, Holbein d. J., Kollwitz, Friedrich oder auch die spätmittelalterliche Totentanz-Fassung aus der Basler Predigerkirche scheinen vor dem geistigen Auge auf. In den weiteren Ausstellungsräumen gelingt es Anette Gehrig, der Kuratorin der Ausstellung, das Gesamtwerk Leiters schlüssig zu entfalten und dessen Konsequenz und Logik - die oft unfreiwillige Visionarität und nicht zuletzt die künstlerische Qualität - aufzuzeigen.

Bis: 17.06.2012



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Ausgabe 6  2012
Ausstellungen Martial Leiter [10.03.12-17.06.12]
Institutionen Cartoonmuseum [Basel/Schweiz]
Autor/in Françoise Theis
Künstler/in Martial Leiter
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