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Fokus
7/8.2012


 Seit 1955 findet das Grossereignis in Kassel statt. Als Rehabilitation der Moderne und als Bollwerk gegen den Osten eingeführt, waren die Ausstellungen zunächst auf europäische und amerikanische Kunstschaffende beschränkt. Diesmal sind es rund 200 Künstler und Künstlerinnen aus 55 Nationen.


dOCUMENTA (13) - Inspirierend, mitreissend und rätselhaft


  
links: Ida Appelbroog, Demonstration, 2012. Surrealistische Demonstration mit Texttafeln als Weiterführung der Rauminstallation im Fridericianum mit Gemälden, Zeichnungen und Offsetdruck-Reproduktionen.
rechts: Theaster Gates · 12 Ballads for the Huguenot House, 2012. Ein Labor für Musikveranstaltungen, Performances, Installationen und Diskussionen im Hugenottenhaus.


Jolles: Wir sind nun vier Tage unterwegs, haben vieles und doch nur einen Teil gesehen, bist du inspiriert oder frustriert?

Polzer: Auch wenn wir längst nicht alles sehen konnten - das Gefühl des Mangels gehört zum Konzept - war ich sehr angetan. Carolyn Christov-Bakargiev (CCB genannt) zeigt viele, sehr individuell auftretende Positionen, deren ästhetische Formulierungen aus biografischen Erfahrungen, durchlebten Leiden, subjektiven Erkenntnissen resultieren. Soziales oder ökologisches Engagement wird weniger als Konzept vorgetragen, denn als eigensinnige Erzählung. Das wirkt originär kraftvoll.

Jolles: Ja, es gab eindrückliche Einzelpositionen, den Algerier Kader Attia im Fridericianum beispielsweise, der - ausgehend von einer mit französischen Münzen bestückten Halskette seiner Grossmutter - in einer 15-jährigen Recherche Objekte und Fotos sammelte und nun in einer überbordenden Installation Perfektes und Versehrtes, Kunst und Fetisch, private Erinnerungen und Kolonialgeschichte einander gegenübergestellt hat. Auch die Audiowalks von Janet Cardiff & George Bures Miller oder die Audiokomposition von Susan Philipsz im Kulturbahnhof spannten ein dichtes Geflecht von individuellem Erinnern und künstlerischer Reflexion der dem Ort eingeschriebenen Geschichte auf.

Polzer: Welche thematischen Fäden und Anliegen sind dir aufgefallen?

Jolles: Beispielsweise die Rolle der Musik als primäre kulturelle Kraft: In einem Film von Allora & Calzadilla in einem ehemaligen Bunker erzeugte eine Musikerin auf einer 35'000-jährigen, aus einem Gänsegeierknochen geschnitzten Flöte - dem ältesten erhaltenen Instrument - skurrile Pfeifftöne. Im Hugenottenhaus verwandelte Theaster Gates mit einer Aktivistengruppe aus Chicago ein verlottertes Abbruchhaus in einen schwingenden Klangkörper und Lebensraum, während nebenan die Schauspieltruppe von Tino Sehgal in einem nachtschwarzen Raum dem Publikum sprechend, singend und tanzend auf den Leib rückte.

Polzer: Neben der Musik wird auch so etwas wie Frauen-Power präsentiert. Wie Künstlerinnen ihre eigenen Universen entwickeln - das wird sehr eindrücklich im Fridericianum demonstriert, in drei aufeinanderfolgenden Räumen. In der Rotunde hängen die gewobenen Teppiche der Schwedin und Kommunistin Hannah Ryggen (1894-1970), intensive expressionistische Anklagen gegen Hitler, Göring oder auch Knut Hansum. Anschliessend breiten sich die wilden und dramatischen, gezeichneten und geschriebenen Weltsichten einer Ägypterin, Anna Boghiguian, und einer Deutsch-Jüdin, Charlotte Salomon (1917-1943), aus. Und schliesslich wird der narrative Faden gleichsam einer Aborigine-Frau weitergereicht. Doreen Reid Nakamarra (1950-2009) lässt den Aufruhr in weite, zart bewegten Gras-Ebenen ausschwingen.

Jolles: Die Ausstellungsorte der dOCUMENTA waren ja über die ganze Stadt verteilt. Wie fandest du die Verschränkung der Werke und des Ortes?

Polzer:
Ungewöhnlich viele Arbeiten wurden spezifisch für Kassel angefertigt, für viele der ca. sechzig Aussenstationen. Dabei sind häufig wirklich tolle Aufladungen gelungen. So war Haegue Yang, für die ich nicht schwärme, optimal über den stillgelegten Gleisen platziert; Tacita Dean im ehemaligen Finanzamt; die Glocken-Abgüsse von Adrián Villar Rojas unter dem schäbigen Raum unter der Hochstrasse. Man wird wirklich durch diverse Teile der Stadt und in Häuser hinein geführt. Und gerade weil Kassel so unspektakulär ist, funktioniert diese Belebung bestens.

Jolles: Viele der Spielorte sind ja temporär, wie die Fertighäuschen im Auepark. Dazu kommen beinahe unsichtbare Interventionen wie die von zwei streunenden Hunden, Schildkröten und Bienen eingenommene Waldlichtung von Pierre Huyges. Arbeiten wie diese sind ebenso erzählerisch wie zurückhaltend, sie umspielen die Grenze von Gewachsenem und Gestaltetem, führen das Publikum ganz nah an den Ort - und gleichzeitig zu sich selbst, bieten ihm bleibende Impulse.

Polzer: Kann man eine Bilanz ziehen, ein Fazit?

Jolles: Jede Documenta wird am Anspruch der jeweiligen Kuratoren gemessen. Ging es ursprünglich darum, den Status der internationalen Kunst zu «dokumentieren», so scheint dies heute die totale Überforderung. Wo werden die von CCB beschworenen Spielorte «Kassel, Kabul, Alexandria - Kairo, Banff» konkret? Jedenfalls nicht im Elisabethen Krankenhaus, wo einige Kabuler Kunstschaffende eine dürftige Plattform erhalten haben. Eher bringt es der Wandtext von Walid Raad auf den Punkt, der konstatiert: Wir sind hier nicht mehr als ein Text auf der Wand, doch unser Kontext fehlt. Dass die Ausstellung dennoch mehr ist als ein Rorschachtest für das, was wir bereits vage zu wissen glauben, scheint mir vor allem den fundierten Einzelpositionen, nicht der explizit weltumspannenden kuratorischen Geste zu danken.

Polzer: Ich möchte statt eines Fazits ein wenig abschweifen. Vor zweihundert Jahren publizierten die Kasseler Brüder Grimm ihre Märchen und ich frage mich, ob eine Stadt intensives Zuhören und Miterleben speichern kann? Jedenfalls sind mir die vielen temporären, sich gegenseitig wahrnehmenden Gemeinschaften aufgefallen, die vielerorts, vor allem draussen, entstanden. Beispielsweise während ein Grüppchen auf Baumstrünken dem im Auepark installierten Audiostück von Janet Cardiff & George Bures Miller lauscht, oder am Ende der Geleise dem spröden Streichorchester von Pavel Haas bzw. Susan Philipsz nachsinnt. Dass sich ein internationales Publikum im gemeinsamen, langsamen Erleben ein wenig verbindet, ist nicht der schlechteste dOCUMENTA-Nebeneffekt.

«Die Pressekonferenz von Carolyn Christov-Bakargiev mit ihrem ‹skip ... skip ... skip ...›, bei dem sie ständig Stellen in ihrem Skript übersprungen hat, war eine Performance, ein Bild für das, was sich im Rahmen der Konferenz, aber auch einer Grossausstellung nicht erfassen lässt.» Carin Kuoni, Vera List Center of Art and Politics, New York

«Diese dOCUMENTA ist eine Ode an die Welt. Man hat wieder Lust, in der Welt zu sein. Ausserdem mag ich Narrative und hier wird mir ganz viel erzählt.» Urs Künzi, Substitut Berlin

«Kurios bis unfreiwillig komisch ist der Widerspruch der dOCUMENTA zwischen einer (wortreich beschworenen) Abkehr vom Logozentrismus einerseits und dem aberwitzigen Glauben an das Wort andererseits, der sich im Publikationswahn inklusive ‹Buch der Bücher› äussert, aber auch in jedem, nicht selten leicht verschraubten Begleittext der Ausstellung niederschlägt, ohne den manche visuell eher dürftige Arbeit gar nicht zu verstehen ist.» Ralf Beil, Mathildenhöhe Darmstadt

«Die dOCUMENTA spiegelt für mich eine Art Zwischenzeit wider. Sie scheint das kuratorische Konzept ihrer Vorgängerin weiterzuführen, die eine ‹Migration der Form› in den Mittelpunkt gestellt hat. Diesmal liegt der Fokus nun aber weniger auf den Wanderungen künstlerischer Formen über Zeit- und Kulturengrenzen hinweg, sondern stärker auf dem Versuch einer Mobilisierung und Umschreibung kultureller Kategorien oder Wertmassstäbe, deren Behauptung auch zu den Grundlagen der Moderne zählt.» Kathrin Rhomberg, Akademie der bildenden Künste, Wien

«In den Ausstellungsräumen erfreut die geradezu museale Inszenierung: ein/e Künstler/in pro Raum, selten mehr. Das erlaubt eine konzentrierte Vertiefung in die Werke und lässt die Gebäude als poetische Argumentationsketten in Erscheinung treten. Die vielstimmige thematische Verdichtung im Kern des Fridericianums ergibt eine dreidimensionale Mindmap der künstlerischen Leiterin.» Kathleen Bühler, Kunstmuseum Bern

«Nicht ohne Fehler und Schwächen - und genau deshalb so menschlich! Dieser dOCUMENTA gelingt das Kunststück, populär und politisch, poetisch und prekär in Einem zu sein.» Edith Krebs, SIK ISEA Zürich

«Die dOCUMENTA ist sehenswert, weil es sehr viele starke Arbeiten gibt, die - ohne den ganzen, oft undurchsichtigen, überschwänglichen und pseudotheoretischen ‹Überbau› - herausragen und mit ihrem Bezug zum Leben und zum gegenwärtigen Zustand unseres Planeten die richtigen Fragen stellen.» Helen Hirsch, Kunstmuseum Thun

Bis: 16.09.2012


‹Das Buch der Bücher›, Bd. 1/3, ‹Das Logbuch›, Bd. 2/3 und ‹Das Begleitbuch›, Bd. 3/3 (Kurzführer), Hatje Cantz



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Ausgabe 7/8  2012
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