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Fokus
7/8.2012


 Für die Arbeit des jungen Belgiers Kris Martin müsste man vielleicht den Begriff des existenzialistischen Surrealismus lancieren. Existenzialistisch ist sein Werk ganz buchstäblich, weil es sich immer sehr direkt mit der menschlichen Existenz, ihren Tücken und Freuden, auseinandersetzt. Surrealistisch ist es, weil Martin dafür meist ganz ungewöhnliche, installative Bilder findet.


Kris Martin - Dem Leben ins linke Auge schauen


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Festum II, 2010, Bronze (Konfetti), Masse variabel, Edition 1 + 1 AP, Courtesy Sies + Höke, Düsseldorf, White Cube, London, Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau. Foto: Dominic Büttner
rechts: Ohne Titel, 2010, 706 gefundene Granathülsen; im Innenhof: For Whom, 2012, Bronzeglocke ohne Pendel, Stahlkonstruktion, Motor, Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau. Fotos: Dominic Büttner


Schon mal überlegt, dass es eigentlich unmöglich ist, einer Person in die Augen zu schauen? «Ich habe früher als Kind immer darunter gelitten, dass man einer Person immer nur in ein Auge schauen kann. Ich schaue heute einem Gegenüber immer ins linke Auge», meint Kris Martin. Das erklärt auch, weshalb der belgische Künstler zwei leere Pinnwände, die momentan in seiner grossen Einzelausstellung ‹Every Day of the Weak› im Kunsthaus Aarau hängen, als «Selbstporträt» bezeichnen kann: «Die Betrachterin oder der Betrachter stehen vor den Pinnwänden und vergleichen sie miteinander. Erst in diesem Hin- und Herhüpfen des Blicks entsteht für mich das Selbstporträt», so Martin. Wo man es doch vielleicht am ehesten in den fehlenden Fotos auf der Wand gesucht hätte - vergeblich natürlich. Oder eventuell sogar noch gedacht hat, die eine Tafel sei das Porträt der anderen.

Recycling-Gedanken
Ein sehr individueller - vielleicht gar zu individueller - Bildbegriff also, der von einem sehr spezifischen Skulpturverständnis ergänzt wird: Gleich im ersten Raum der Aarauer Ausstellung liegen Abertausende von glänzenden Konfetti, die letztes Jahr auch im Rahmen des Art Parcours während der Art Basel in einer Kirche zu sehen waren. Die runden Täfelchen sind aber nicht etwa aus Papier, sondern aus wertvoller Bronze und werden vom Publikum beim Darüberlaufen im ganzen Haus verteilt - und darüber hinaus. «Als ich die Arbeit in der White Cube Gallery in London gezeigt habe, habe ich danach auch einmal Konfetti in einem Swiss-Flugzeug entdeckt.» Das ist allerdings eher ein Nebeneffekt, zumal die Arbeit weniger die Strategie von Felix Gonzalez-Torres Bonbon-Arbeiten verfolgt, die sich langsam in die ganze Welt hinaus verteilen, sondern ganz eigentlich als Skulptur zu verstehen ist: «Die Konfetti sind gleichzeitig eine Bronzeplastik und ihr Grundmaterial. Und vielleicht stecken in ihnen auch die Reste von eingeschmolzenen älteren Skulpturen», meint Martin.
‹Festum II›, 2010, ist sicherlich eine zeitgemässere Ausformulierung einer Skulptur als ein herkömmliches Reiterstandbild. Die Parade oder das Fest sind nämlich vorbei, wir haben jetzt Wirtschaftskrise, woran uns die an den Schuhen klebenden Konfetti unter anderem erinnern. Dies lässt uns auch eine andere Arbeit Martins nicht vergessen: Ein Heissluftballon, der in einem Saal des Kunsthauses quasi auf dem Bauch liegt. In seiner Grösse stösst er überall an die Museumswände, seine Bewegungsfreiheit ist limitiert. Dafür darf man mit Überfinken - die prompt mit Bronzekonfetti verziert sind - in den Ballon reinsteigen und die nach zahllosen Flugstunden ausgemusterte und vom Gebrauch gezeichnete Haut von innen betrachten.

Helikopter-Flug am Boden
Die Luft ist also auch hier raus, der Ballon ergibt so keinen Sinn. Doch Martin erklärt: «Wir Belgier haben eben das Monopol auf den Surrealismus. Eigentlich fängt er für mich sogar schon bei jemandem wie beim flämischen Maler Jan van Eyck an. Der eingeklemmte Ballon hat auch etwas sehr Surrealistisches. Und er thematisiert den Wunsch der Menschheit, fliegen zu können.»
Bei einem Künstler wie Kris Martin braucht man allerdings gar nicht erst fliegen zu lernen, um sich vorzukommen wie ein Helikopter-Pilot. Bei der Arbeit ‹Summit›, 2009, hat er winzige Papierkreuze auf ziemlich massive Steinklötze gesteckt. Die Dimensionsverschiebung ist frappant: Man hat plötzlich das Gefühl, als Gulliver neben einer Minilandschaft zu stehen. Wie anders also wird hier mit der Wahrnehmung gespielt als bei Ugo Rondinones übergrossen Steinfiguren, die dieser in seine Einzelausstellung im Aargauer Kunsthaus integriert hatte. Der Schuss «Swiss Miniature» ist jedenfalls nicht schlecht.
«Die Kreuze sind ja eigentlich ein Zeichen dafür, dass schon jemand oben auf dem Gipfel war. Es ist ein bisschen wie bei der berühmten Wandzeichnung: Kilroy was here», meint Martin. Das Gipfelkreuz als «Tag», als Graffiti auf dem Berg also. Als sehr religiöses Graffiti, muss man sagen: «Ein Berggipfel ist eben der perfekte Ort für religiöse Gefühle: Der Sauerstoff wird knapper, und man kommt in eine Art Trance, in der man empfänglicher ist für solche Emotionen. Und man ist dem Himmel so nahe wie nie», so Martin.

Irrationalität rational nutzen
Und auch diese Arbeit lässt sich ganz direkt auf eine Grundbedingung der menschlichen Existenz herunterbrechen: «Wir streben ja ein Leben lang dem metaphorischen Gipfel zu. Aber eigentlich geht es um den Aufstieg selbst. Dieser ist wichtiger als das Erreichen des höchsten Punkts», fasst es der Belgier zusammen. Wobei er auch seine eigene Existenz in seine Überlegungen mit einbezieht: «Ich bin ausgebildeter Architekt, ein sehr rationaler Beruf. Als Künstler schaffe ich nun irrationale Werke, um - wiederum eine ganz rationale Überlegung - meinen Lebensunterhalt zu verdienen und für meine Familie zu sorgen», erklärt Martin die Paradoxie seines Lebensentwurfs. Ganz pragmatisch. Und ganz ohne den Weltschmerz der Original-Existenzialisten.
Dennoch konfrontiert uns Kris Martin im Aargauer Kunsthaus mit den zwar anstrengenden, aber doch letztlich unbedrohlichen Seiten des Lebens. ‹Mandi XV›, 2007, etwa, ein sieben Meter langes Metallschwert am Boden eines Saales, vergrös-sert die Brutalität des Menschen zu Recht ins Monströse. Kein Wunder, dass in ‹Idiot IV›, 2007, ein an der Wand hängendes Kreuz die beiden Arme quasi vors Gesicht hält - und nicht hinsehen will, welche Grausamkeiten im Namen der Religion schon begangen wurden.
Es ist auch Künstlern wie Kris Martin zu verdanken, dass wir - im Gegensatz zum hier durch das Kreuz symbolisierten Jesus - die Augen nicht zu lange von den guten wie schlechten Eigenschaften des Menschen und den guten wie schlechten Aspekten der menschlichen Existenz abwenden können. Man muss dem Leben eben in die Augen schauen. Fragt sich nur, ob ins linke oder ins rechte.


Bis: 12.08.2012


Katalog zusammen mit Kunstmuseum Bonn und Kestnergesellschaft Hannover, Distanz Verlag
Kris Martin (*1972, Kortrijk) lebt in Gent

Einzelausstellungen (Auswahl)
2012 Theseustempel, Kunsthistorisches Museum, Wien; Lehmbruck Museum, Duisburg
2011 Wattis Institute for Contemporary Arts, San Francisco
2010 White Cube, London
2009 Aspen Art Museum, Aspen
2008 Galleria d'Arte Moderna e Contemporanea GAMeC, Bergamo
2007 P.S.1 MoMA, Contemporary Art Center, New York
2005 Neuer Aachener Kunstverein, Aachen

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2012 ‹Cartographies›, Fundación la Caixa, Barcelona, Madrid
2011 ‹Die Kunst der Entschleunigung›, Kunstmuseum Wolfsburg; ‹arkhaiologia. Archäologie in der zeitgenössischen Kunst›, Kunsthaus CentrePasquArt, Biel
2010 ‹Yesterday will be better›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2009 ‹Moby Dick›, Wattis Institute for Contemporary Arts, San Francisco
2008 ‹Speicher fast voll - Sammeln und Ordnen in der Gegenwartskunst›, Kunstmuseum Solothurn; ‹The Eternal Flame›, Kunsthaus Baselland, Basel



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Ausgabe 7/8  2012
Ausstellungen Kris Martin [12.05.12-12.08.12]
Institutionen Sies + Höke Galerie [Düsseldorf/Deutschland]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Kris Martin
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