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Besprechung
7/8.2012


Grit Weber :  Das Verbindende zwischen Musik und Bildender Kunst sind Handlungsstrategien. Was diese im Einzelnen bedeuten und welcher der 110 präsentierten Künstler damit welches Werk hervorgebracht hat, das zeigt die Mathildenhöhe in Darmstadt mit einer dichten und exzellent recherchierten Ausstellung.


Darmstadt : A House Full of Music


  
links: Laurie Anderson, Handphone Table, 1978, Holztisch, Verstärker, elektronischer Apparat, zwei Holzstühle, Fotografie, 91,2 x 152,5 x 79,6 cm. Foto: Blaise Adilon
rechts: John Cage, Water Walk (TV-Performance), 1960


Speichern, collagieren und schweigen; zerstören, rechnen und würfeln; fühlen, denken, glauben, möblieren, wiederholen und schliesslich spielen: Das sind die zwölf Handlungsstrategien, welche die Struktur für die grosse Überblicksschau lieferten. Sie verdeutlichen, was in den letzten hundert Jahren die akustische und die bildende Kunst revolutionierte. Und zwar so sehr, dass die Ideen über die Sparten hinaus fliessen und Musiker zu Künstlern oder Künstler zu Musikern werden.
Noch vor John Cage, dessen 100. Geburtstag für Ralf Beil, Leiter der Mathildenhöhe, den Anlass bot, die Schau zu realisieren, muss also das Werk von Erik Satie stehen, der in seinen ‹Memoiren eines Gedächtnislosen› von 1912 mit feinem Witz seine Arbeit erläutert: «Jeder wird Ihnen sagen, ich sei kein Musiker. Das stimmt.» Satie nämlich versteht sich als Phonometrographen, der Töne nach Gewicht und Grösse untersucht, der Klänge reinigt, was aber «eine ziemlich schmutzige Angelegenheit» ist. Diese hübsche Humoreske zeigt, wie der Künstler Immaterielles mit Materiellem gleichsetzt, womit er ohne Zweifel sofort die Kategorien des Collagierens, Denkens und Spielens benutzt, um Musik mal ganz anders zu beschreiben. Und staunend stehen wir vor seinen wunderschönen Notenschriften, die alle Qualitäten einer guten Zeichnung mitbringen, und stehen auch vor einem sonderbaren Schachspiel, dessen Urheber Arnold Schönberg ist, und in dem nicht zwei, sondern vier Gegner zum Zuge kommen. Was wäre, wenn...? Was wäre, wenn Marcel Duchamp etwa überlegt, «auf der Bühne ein Klavier stimmen (zu) lassen». Ist das nicht schon Performance Art?
Anhand unzähliger Werke können wir so feststellen, dass Musik einen ontologischen Sprung macht, als sie beginnt, das Geräusch oder die Pause gleichwertig zum Klang zu behandeln. Und wir lernen, dass die Bildende Kunst diesen Sprung macht, als sie sich sprichwörtlich in Bewegung setzt, Zeit und das Gefühl für den Körper integriert. Wir durchschreiten ein ganzes Jahrhundert der Kunst- und Musikgeschichte und treffen dabei auf Nam June Paik, der musikalische Schwingungen über dem Mund wahrnimmt, auf Wolf Vostells Pläne, einen Flugplatz zum Konzertsaal zu machen, auf Laurie Anderson, die Kopfhörer aus ihren Händen formt, und auf Heiner Goebbels, der das hauseigene Wasserreservoir vertont. Alles wird zu Kunst, und die ist zunächst geistiges Arbeiten, basiert auf Ideen, die ineinander verschränkt und bis heute äusserst vital sind. Das ist eine sehr gute Erfahrung.

Bis: 09.09.2012


Kat. Hg. Ralf Beil, Peter Kraut, Hatje Cantz



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Ausgabe 7/8  2012
Ausstellungen A House Full of Music [13.05.12-09.09.12]
Institutionen Institut Mathildenhöhe [Darmstadt/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
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