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Besprechung
7/8.2012


Verena Kuni :  Ein Bahnhofshotel hat jede Stadt. Doch wohl kaum eins wie das ‹Hotel Gent›: Tazu Rous hat es wie einen Adlerhorst direkt um die Bahnhofsuhr von Gent Sint-Pieter gebaut, die nun monumental im Zimmer tickt. Innen und Aussen tauschen die Rollen, Raum wird Zeit und Zeit wird Raum.


Gent : TRACK. A Contemporary City Conversation


  
links: Tadashi Kawamata, Favela for Ghent, 2012. Foto: Dirk Pauwels
rechts: Massimo Bartolini, Bookyards, 2012. Foto: Dirk Pauwels


Eine Reise nach Gent lohnt immer: Die belgische Stadt ist reich an Kunstschätzen, die Agenda des Kulturprogramms stets gut gefüllt. In diesem Sommer - der mit Manifesta und Beaufort04 landesweit ganz im Zeichen der zeitgenössischen Kunst steht - lädt TRACK dazu ein, Gegenwartskunst im Stadtraum zu entdecken. Mehr als 25 Jahre ist es her, dass Jan Hoet mit ‹Chambres d'amis› ganz Gent zu einem Ausstellungsparcours machte. Heute, da die Wege zur zeitgenössischen Kunst mehr denn je von Privatsammlern geprägt scheinen, geht es um einen anderen Blick: auf eine Stadt, die massiven Transformationen unterworfen ist - die versucht, Lebensraum zu bleiben und ihr Gesicht zu wahren, beim Blick in den Spiegel aber feststellt, das zu den alten Charakterzügen längst neue gekommen sind.
In diesem Sinne versucht TRACK eine Gratwanderung zwischen der Poesie des Ortes und den Politiken der Transformation. Philippe Van Cauteren, Direktor des SMAK und gebürtiger Genter, hat dazu mit der Zürcher Kuratorin Mirjam Varadinis bewusst einen Blick von aussen ins Team geholt. Die beiden fragten internationale wie lokale Künstler/innen an und arbeiteten auch mit Bewohner/innen der sechs Stadtviertel eng zusammen, in denen man sich nun auf die Spuren von TRACK begeben kann. So unterschiedlich wie diese sind auch die Arbeiten, die entstanden sind. Tadashi Kawamata hat in einem Kanalhafenbecken, das an der Grenze zum Einwandererviertel liegt, eine komplette Favela aufgebaut; Massimo Bartolini im Garten der Abtei Sint Pieter eine öffentliche Bibliothek eingerichtet. Bei einigen Eingriffen muss man zweimal hinschauen, sei es, um die filigranen Kreidezeichnungen von Bart Lodewijks zu finden, sei es, um die Schilder des Leitsystems zu entdecken, mit dem Christoph Büchel den Weg zum Tagelöhner-‹Strich› weist.
Manche manifestieren sich sogar nur für einen Augenblick: Pawel Althamer etwa feiert an einem einzigen Tag in der Dämmerung einen Moment absoluter Stille; Christina Hemauer und Roman Keller werden ihre ‹Postpetrolistische Internationale› zur Aufführung bringen, als instante Zäsur im urbanen Alltag. Andere Interventionen sollen indessen auch längerfristig erhalten bleiben - wie jene Kopie der Toiletten des Justus-Lipsius-Baus in Brüssel, in dem der Europäische Rat tagt, die von Superflex in einem Döner-Grill installiert worden ist. Hier überzeugt das Manifest der Schau: selbst etwas anzustossen, sich selbst und andere zu bewegen.

Bis: 16.09.2012



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Ausgabe 7/8  2012
Autor/in Verena Kuni
Link http://www.track.be
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