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Besprechung
7/8.2012


Stefan Zweifel :  Immer wieder von reiner Schaulust verführt, dann wieder von einem Konzept zum nächsten verlockt, so zieht uns eine spezielle Form der Retrospektive mit Werken von Pietro Mattioli aus den letzten Jahren immer weiter, als wäre es eine Prospektive. Ja, die Ausstellung eröffnet immer wieder neue Aussichten, denn der Zürcher Künstler hat mit seinen räumlichen Eingriffen das Museum in eine durchdachte Sehflucht verwandelt. Unten im Keller steht man vor einer Wand mit Buchumschlägen, darunter sticht ins Auge: "Teorema" von Pier Paolo Pasolini. Das antike "theorein" meinte das Schauen mit zwei Augen, die die Welt nach und nach den Gesetzen der Geometrie unterwarfen, den Linien der reinen Vernunft unterzogen. Mehr und mehr wurde das Staunen und Schauen jener Augen vergessen. Was passiert also, wenn zwei Wörter, die Vernunft und das Schauen, um jenes "theorein" buhlen? Die ganze Ausstellung steht in dieser dialektischen Spannung.


Kriens/Liverpool : Seh- und Gedankenfluchten Der Sockel des Bildes. Eine installative Bilderschau von Pietro Mattioli in Kriens


  
links: Pietro Mattioli · o.T. (Claudio Conte), 1986/2012. Inkjetprint gerahmt, 229 x 153,5 cm. Foto: Martin Stollenwerk
rechts: Pietro Mattioli · o.T. (Claudio Conte), 1986/ 2012. Celestino Piatti dtv sonderreihe 1966-1979, 2009/2012, 132 Inkjetprints tapeziert. Foto: Martin Stollenwerk


Im zersplitterten White Cube
Seit wann haben Bilder einen Sockel? Ist es das Museum selbst, das dem Bild als Sockel dient? Aber ist diese Villa in Kriens überhaupt ein Museum und nicht einfach ein: Haus? Ein Haus wie jenes, in dem unsere Geschichten begannen, vielleicht auch wie jenes, in dem unsere Geschichten enden werden.
Als erstes steht man vor einer riesigen Fotografie einer Buchseite. Scheinbar nachlässig steht die gerahmte Fotografie, sockellos, auf dem Boden, an eine weisse Wand gelehnt. Auf ihr die letzten Sätze aus einem Buch: "Aber du musst dich doch an ihn erinnern können, sagte Karl zu ihr. Ich kann mich an ihn erinnern, sagte ich. Ich werde irgendwann mal eine Geschichte für dich schreiben in der er vorkommt."
Im Haus, da enden alle Geschichten. Und beginnen auch. Von Kinderhand ausgeschnitten wie die Scherenschnitte unten am Fenster der Veranda. Das kindliche Spiel lebt von der Symmetrie beim Entfalten des Papiers. So wird die symmetrische Strenge der geometrischen Vernunft also doch: Spiel. Und da wo das Konzept einen Abschluss sucht, eröffnet ihm Pietro Mattioli eine Ausflucht ins Offene.
Denn die Wände, an denen die Bilder lehnen, ohne Sockel direkt auf den Boden gestellt, sind nicht die alten Wände der Villa, sondern Stellwände. Sie kaschieren aber nicht die alte Bausubstanz, sondern sind offen, schneiden Schneisen in den Raum. Wie zersplitterte Teile eines Puzzle. Würde man sie alle zusammenstellen, ergäbe sich ein White Cube.
Doch der ist in ein Haus eingelagert. Das Haus mit seinen Geschichten, unseren eigenen Geschichten, lehnt sich gegen die Wände des Museums auf wie das Spiel gegen die Symmetrie, das Kindliche gegen das Konzept, der Schmutz gegen die Vernunft.

Prismatische Dialektik
Wir stehen hier in einem Haus, das mit scharfen Schnitten zu einem Museum wird. Die Schnitte der Vernunft setzt vor die alten Wände, Rundungen und Ausbuchtungen der Villa die flachen Wände der kalt berechnenden theoretischen Vernunft. Weiss und kubisch.
Und wandelt sich ebenfalls. In: Bunt und kubisch. Im Keller, da wo die Phantasmen hausen, ziehen sich Buchumschläge einer alten "sonderreihe" des dtv-Verlags über eine Wand. Auf jedem Umschlag bilden vier verschieden getönte Dreiecke einer Farbe ein Prisma. Eine Pyramide. Wie jene, mit der die Ägypter einst den Tod besiegen wollten. Gerettet von der geometrischen Reinheit, die ewig währt. Doch die Pyramiden zerfielen, so klagen die ägyptischen Schreiber und feiern ein viel ewigeres Prinzip: Das Buch. Die Papyri würden viele eher ewig dauern als die Pyramiden.
Wenn man auf die Wand mit all den bunt-bunten Prismen starrt, schwindelt plötzlich der Blick. Sehe ich recht? Stürzt die Pyramide nicht plötzlich ein?, wird ihr himmelragender Bau nicht plötzlich zu einem Schacht? Ihr Kegel zum Keller? Zum Grab? Im Spiel der optischen Täuschung changieren die beiden Möglichkeiten des Blicks - Kegel und Keller. Tod und Ewigkeit. Anfang und Ende. In der lustvollen Schau des Auges verflimmern die Konzepte der Theorie.

Geschichten des Auges
Man hüpft von Titel zu Titel, "Der leere Raum" von Peter Brook wandelt sich so zu Borges' "Labyrinthe". Da bleibt man hängen. Ein Fehler im Konzept?, fragt man sich. Denn ein Buch erscheint doppelt: Georges Batailles "Das Blau des Himmels". Der eine Umschlag ist makellos, der andere aber fleckig, von Sonnenlicht vergilbt und "verschmutzt". Ja, die Sonne ist nicht einfach die Idee des Wahren, Guten und Schönen, sondern, so meinte Bataille, ein dauernder Exzess, ein "Sonnenanus". So entwickelte er gegen die Konzepte der Aufklärung eine Theorie des Unförmigen. Und eine "Geschichte des Auges", wie sein berühmtestes obszöne Werk heisst. Wo das Auge der Geliebten zwischen den Beinen einer anderen hervorblinzelt. Das Organ der Theorie wird in der Ekstase reine Schau. Mattioli sucht nie diese Umkehr, sondern die Spannung zwischen den Extremen, und so entdeckt man vielfältige Geschichten des Auges:
Die riesig aufgeblasenen Buchstaben auf der Fotografie der letzten Buchseite sind nicht mehr nur abstrakte Zeichen für Laute, sondern durch die Körnung des Papiers sinnlich. Dahinter scheint die Rückseite auf, in Spiegelschrift der Name YAWGNIMEH. Kaum ein Autor könnte in grösserem Gegensatz zum sanft verspielten Schlusssatz auf der Vorderseite stehen: "Ich werde irgendwann mal eine Geschichte für dich schreiben, in der er vorkommt."
Daneben eine Wand mit Formen, die im Blitzlicht aus dem Dunkel der Nacht aufleuchten: Flechten an einem Baum, ein Gitter, verbeugt, als hätte eine aus dem Dunkel kommende Macht das Gitterraster der Vernunft verbogen, oder ein leeres Verbotsschild. Ein leeres Zeichen, das nichts mehr "bedeutet", aber dafür umso intensiver wirkt. Daneben zwei bedrohliche Haken an einer Stange. Als ich davor stand, bohrten sie sich genau ins Auge einer grossen Fotografie eines Gesichtes im anderen Raum. Zufall? Wohl kaum. Denn hinter dem Gesicht sieht man durch den Garten ins Freie - direkt auf eine fensterlose rote Fassade eines Einkaufszentrums. Sind unsere Gesichter auch nur Fassaden ohne Fenster?

Kippfigur der Konzepte
In solchen Sehfluchten und Gedankenfluchten entfaltet die Ausstellung ihren Sog, der uns um alle Gewissheiten bringt: Bilder ohne Sockel, Kind und Konzept, Symmetrie und Schmutz, Innen und Aussen. Jedes Konzept wird zur Kippfigur. Und wir müssen neu denken lernen - und neu sehen.
Dabei wird die konzeptuelle Härte immer durch Unreinheit aufgeraut, die aufgekratzte Oberfläche einer Panzertür, silberig schimmernd, die Kratzspuren erinnern in ihrer Form an ein Nachtbild, das man aus einem anderen Raum auf der Netzhaut mittrug: Dort wimmelt es meterhoch von Aalen, ihre Augen leuchten lebend, doch ein Schnitt in ihren Köpfen zeigt, dass sie in ihrem eigenen Blut ertrunken sind. Der schöne Schreck des Unförmigen.
Daneben eine Komposition kleinformatiger Fotos von Spinnen, in einem Hinterhof ihre Netzte webend. Das Tier der Vernunft neben der aalglitschigen Materie. Verwirrende Zeichen, die über unsere Netzhaut tanzen. So starr die Installation der Wände und Bilder zunächst scheint, sie gerät langsam ins Tanzen und Schweben. Wie die farbigen Prismen unten im Keller, wo die tiefsten Erinnerungen und verdrängten Traumprotokolle lagern. Weitsichtig hiess der Titel von Pasolini in seiner ganzen Gänze: "Teorema oder die nackten Füsse".
Barfüssig möchte man tanzen, kopflos durch die Schwemme von Gänseblümchen, die wie ein Sturzbach über eine Wiese fliessen, oder unter den Füssen den Widerstand der Materie spüren, das blosse Holz, die nackte Haut, den ungeformten Ton, im Kinderzimmer der Veranda zu einem Turm gestapelt, ein starrer Turm, der noch nichts von den Formen verrät, die ihm die Füsse und Hände von Kindern verleihen werden.
So wird das Podest aus rohen Holzbrettern zum Tanzboden des Zufalls, vor den Augen tanzen die Buchtitel "Opium", "Versuch über den Schmutz", "Das Holzschiff" - und schon wird der Keller zum Floss, man könnte sich auf ihm retten, sich aus dem Haus schwemmen lassen, um endlich eine neue Geschichte zu beginnen, eine Geschichte, die jeder Betrachter für sich selbst schreiben muss, um sie dann, wenn man das Museum verlassen hat, dieses seltsame Haus, bei sich zuhause sitzend jemandem zu erzählen. Denn jedes Ende trägt einen Anfang in sich und jeder Anfang ein Ende - nein: viele Enden, prismatisch gebrochen wie im zerborstenen Kristall des White Cube in Kriens.






Bis: 02.09.2012



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Ausgabe 7/8  2012
Ausstellungen Pietro Mattioli [25.05.12-08.07.12]
Video Video
Institutionen Museum im Bellpark [Kriens/Schweiz]
Autor/in Stefan Zweifel
Künstler/in Pietro Mattioli
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