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Besprechung
7/8.2012


Yvonne Ziegler :  Umdenken ist angesagt, wenn Simon Starling Transportmittel wie Fahrräder, Autos, Boote sowie Energie erzeugende Apparate wie Motoren, Gasflaschen, Solarzellen in veränderter Form präsentiert und damit historische, soziologische und naturwissenschaftliche Umformungsprozesse thematisiert.


Mulhouse : Simon Starling, ‹350 kilogrammes par mètre carré›


  
links: Simon Starling · Trois cent cinquante kilogrammes par mètre carré (Ecole diesel SACM MGO), 2012, Installation, Courtesy The Modern Institute, Glasgow. Foto: La Kunsthalle Mulhouse
rechts: Simon Starling · Carbon, 2010, Fahrrad, Holz, Sägemaschine, Courtesy The Modern Institute, Glasgow. Foto: La Kunsthalle Mulhouse


Gegenstände lassen sich nicht nur gemäss ihres genuinen Zwecks einsetzen, sondern auch anders. Dies verdeutlicht Simon Starlings (*1969, Pessac) Arbeit ‹Carbon›, 2010: Der britische Künstler hat ein Fahrrad mit einem Motor ausgestattet, der sowohl als Fahrradantrieb wie auch als Motorsäge dienen kann. Das ist nicht nur praktisch, wenn man auf Radtouren unterwegs Brennholz benötigt, sondern macht zudem bewusst, dass man nicht für jede Tätigkeit ein eigenes Gerät braucht, falls sich dieses durch Umbau auch für andere Zwecke einsetzen lässt.
In der Kunsthalle Mulhouse präsentiert Starling ausserdem eine Installation, die auf die Geschichte des Hauses Bezug nimmt. Die Institution ist im zweiten Geschoss eines umgebauten Industriegebäudes der Société Alsacienne de Constructions Mécaniques (SACM, heute Wärtsilä) untergebracht, in dem bis 2003 MGO-Dieselmotoren hergestellt wurden. Bei seiner Recherche stiess Starling nicht nur auf die Tatsache, dass der Boden des Ausstellungsraums nur für 350 kg pro qm ausgelegt ist, sondern auch auf das SACM-Archiv, in dem Maschinenteile, Konstruktionspläne und zu Lehrzwecken «geöffnete» Motoren aufbewahrt werden. Seine Installation umfasst einen zwei Tonnen schweren MGO-Motor, den er in sieben «Scheiben» sägen liess, die er jeweils im Abstand von einem Meter aufgestellt hat, sowie drei Regale, auf denen diverse Schulungsobjekte sowie ein Overall, Schachteln mit Schrauben etc. liegen. Da auch die Regale den Deckenboden nicht mit mehr als 350 kg pro qm belasten dürfen, liess er zwei davon halbieren und um jeweils einen Meter versetzt aufstellen. Alle Schnittkanten hat er mit einem leuchtend gelben Anstrich versehen. Das vorgefundene Archivmaterial steht nun wieder im ehemaligen Industriegebäude. Es aktualisiert nicht nur dessen Geschichte und Funktion, sondern thematisiert anhand der Umformung auch die heutigen Gegebenheiten des Gebäudes.
Starlings Interesse gilt postindustriellen Stätten sowie dem Sichtbarmachen von Arbeit, Produktion und Kreisläufen: Aus einer Tonne Erz gewinnt man gerade so viel Platin, dass man fünf identische Fotografien der afrikanischen Mine herstellen kann, in der das Metall gewonnen wurde. Seine Fragen nach Aufwendung und Recycling von Energie, Material und Arbeitskraft, nach Geschichte, Funktion und natürlichen Phänomenen stellt Starling mittels transformierter Dinge und ungewöhnlicher Reisen (in die Tabernas-Wüste oder zu Balsabäumen nach Ecuador).

Bis: 26.08.2012



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Ausgabe 7/8  2012
Ausstellungen Simon Starling [24.05.12-26.08.12]
Institutionen La Kunsthalle [Mulhouse/Frankreich]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Simon Starling
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