Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
7/8.2012


Brita Polzer :  Ihr Ausstellungsparcours reiche von der «Madonna in den Wollknäueln» bis zur «Verzückung des heiligen Reto», sagt die Kuratorin Dorothee Messmer, die in ihrer letzten Ausstellung in der Kartause Ittingen - unter Berufung auf den Soziologen Richard Sennett - ‹10'000 Stunden› präsentiert.


Warth : ‹10’000 Stunden›


  
Marion Strunk · Madonna in den Wollknäueln, 2012


10'000 Stunden, so Sennett, entsprechen in etwa der fünfjährigen Arbeitszeit, die benötigt wird, um meisterschaftliche handwerkliche Fähigkeiten zu entwickeln. In ‹Handwerk›, 2007, plädiert er dafür, dem technologischen Wahn, der Büchse der Pandora, eine andere Lebensweise, einen kulturellen Materialismus entgegenzustellen. Dieser Appell wird in der Ausstellung nicht explizit thematisiert, eher geht es um die Frage, wie sich die Kunst im Verhältnis zum Handwerk, zudem gegenüber Meisterschaft und Scheitern positioniert. Ein wichtiger - feministischer - Impuls ging Mitte der Achtzigerjahre von Rosemarie Trockel aus, indem sie Strickbilder - verpönte, weiblich-häusliche Handarbeit - in den alltagsbereinigten Kunstbetrieb einbrachte. Gegenüber ihres Minimal Art und Malewitsch ironisierenden Diptychons werden Fotografien von Marion Strunk gezeigt. Die Zürcher Künstlerin - dem Critical Crafting verbunden - stickt wollige, haptisch-sinnliche Kreise in Fotografien ein, und wie lebendige geisterhafte Kugeln schwirren diese in der glatten Foto-Realität herum. Eine über dem Eingang zur Kartause gen Himmel wallende Madonna hat Strunk von oben bis unten in rote, woll-lüstige Wollknäuel gebettet, auf dass die Himmelskönigin eine intensive Diesseitigkeit erfährt.
Der Ausstellungspacours stellt weitere, ganz unterschiedliche Handarbeiten mit Wolle, Fäden und Stoffen vor. Auch Holz scheint gut geeignet, das Handwerkliche auszudrücken. Zeichnungen, Malerei, Fotografien und Porzellanarbeiten sind integriert. Eine Definition dessen, was Handwerk in Bezug auf zeitgenössisches künstlerisches Tun heute bedeuten kann, wird von Markus Landert im Katalog-Nachwort angeschnitten. Landert spricht von einer «Realität, die eigentlich eine längst vergangene ist», und die auf «vorindustrielle Produktionsformen» fokussiert - auf ein Produkt, «das in seiner Gesamtheit durch einen Handwerker» geformt wird. Ganz und gar von einem Künstler-Handwerker gemacht ist der Raum am Ende des Parcours. In dreiwöchiger Klausurarbeit hat Reto Leibundgut eine Art sakrales Wohnzimmerdelirium gestaltet. In einem aus gespaltenen Stämmen bestehenden Strahlenhintergrund fliegen bedrohlich, sinnlich und von Fernsehlethargie erzählend diverse fette Lederwolken herum. - Das Programm der Kartause Ittingen ist ganzjährig dem Handwerklichen gewidmet. Bis Ende Jahr wird noch ‹Die Welt im Kästchen. Klosterarbeiten als Objekte der Andacht› gezeigt.

Bis: 30.09.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2012
Ausstellungen 10'000 Stunden. Über Handwerk ... [13.05.12-30.09.12]
Institutionen Kunstmuseum Thurgau [Warth/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120629122148FIP-15
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.