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Besprechung
7/8.2012


J. Emil Sennewald :  Ist es möglich, bei pyramidalen 22'000 Quadratmetern Ausstellungsfläche trotzdem den Werken zu wenig Raum, den Künstlern nicht genug Luft zu geben? Okwui Enwezor ist es gelungen. So engagiert und entdeckungsreich im inhaltlichen Ansatz, so überfüllt und nachlässig ist diese Triennale umgesetzt.


Paris : ‹Intense Proximité›, die Triennale im neuen Palais de Tokyo


  
links: Vorne: Lily Reynaud-Dewar, Some objects blackened and a body too, 2011, Courtesy Mary Mary, Glasgow; hinten vlnr: Jochen Lempert, Symmetry and Architecture of the Body (Sponge & Flamingo), 1997-2005; Symmetry and Architecture of the Body (Horse), 1997-2005, Courtesy Projecte SD, Barcelona © ProLitteris, Ausstellungsansicht Palais de Tokyo. Foto: André Morin
rechts: Vorne: Dominik Lang, Sleeping City, 2011, ProLitteris; Hintergrund: Aurélien Porte, Son of Prudence, 2012; Incantatory Combinations, 2012, Courtesy New galerie, Paris. Ausstellungsansicht Palais de Tokyo. Foto: André Morin


Sicher, die Triennale sollte von Anfang an grosse Räume füllen, im Grand Palais der Welt zeigen, dass in Frankreich wieder «La force de l'art» herrscht. Der patriotische Ansatz wurde durch Ausnüchterung des Titels und Ortswechsel abgeschwächt - der Ehrgeiz, mit Kunst das Terrain zu besetzen, blieb. Auch Okwui Enwezor entzieht sich ihm nicht. Mit ‹Intense Proximity› will er «eine Poetik der Ethnografie» und «die Erneuerung historischen Wissens» durch künstlerische Techniken darstellen. Schon in den ersten Sälen wird mit den Assemblagen von Michael Butke (1944-1994), mit Walker Evans› ‹African Negro Art Portfolio›, 1935, oder mit David Hammons ‹Stone with hair›, 1998, die These gesetzt: «Primitive» und aus ihr abgeleitete «moderne» Formen werden zu Stilen, und diese können zu Zwangsvorstellungen des Anderen kristallisieren. Oder neue Weltsichten eröffnen. Enwezor zielt auf die politisch-gesellschaftliche Implikation von Form-Wanderungen.
In den ersten Sälen ist alles gesagt. Dann wird über zwei Etagen, teils redundant, teils disparat, das Thema variiert. Dicht an dicht gedrängt kann kaum ein Künstler sich als eigenständiger Diskursteilnehmer entfalten, alle fallen sich in Wort und Bild. Leise Arbeiten wie Jochen Lemperts sensible Fotografien zu Ähnlichkeitsformen in Natur und Kunst werden von Annette Messagers zappelnden Plüschtieren bedrängt. Die unheimliche Seite von Victor Mans Arbeiten wird zum stilistischen Spiel mit Fetisch und Tabu nivelliert. Perlen wie die Zeichnungen von Wilfredo Lam, Bouchra Khalilis Video ‹Speeches› oder die delikaten Skulpturen von Nina Canell gehen im Vielerlei unter. Es ist, als hätte Enwezor die Ouverture eingerichtet, dann den Rest anderen überlassen, die alle «ihre» Künstler positionieren wollten. Manche nutzen ihre assoziierten Orte, den Bétonsalon, das Crédac, die Laboratoires in Aubervilliers. Im Palais wurde es dennoch voll und voller, bis zur Unlesbarkeit. Den eklatanten Mangel an kuratorischer Durchlüftung verschärft die misslungene Ortsspezifik: Unerträglich der jede Form von Massaker zum allgemeinästhetischen Motiv des Todes verflachende, viel zu grosse Saal für Sarkis. Zwei Etagen tiefer wird Thomas Hirschhorns engagiertes Video, in dem eine Frauenhand zerplatzte Kriegsleichen auf einem iPad vorbeistreicht, in einem Kabinett versteckt zum Kriegsporno. Während sich die Besucher durch labyrinthische drei Etagen arbeiten, bringt jemand das ganze Desaster auf den Punkt: «ça me touche pas» - das berührt mich nicht.

Bis: 26.08.2012


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Ausgabe 7/8  2012
Ausstellungen la triennale [20.04.12-26.04.12]
Institutionen Palais de Tokyo [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
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