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Besprechung
7/8.2012


Claudia Jolles :  Das Haus Konstruktiv stellt mit Klaus Lutz einen bekannten Unbekannten vor: einen Künstler, der als Mittfünfziger dank eines Stipendiums der Stadt Zürich nach New York aufgebrochen war - um dort zu bleiben. Seine Filme zeigen ihn als Wanderer zwischen sich ständig überlagernden Zeiten, Räumen und Welten.


Zürich : Klaus Lutz, ‹Im Universum›


  
links: Klaus Lutz · Field of Powder, 1993/2004, C-Print, 16-mm-Filmstill. Courtesy Rotwand Zürich
rechts: Fotografien von Hans Danuser, aufgenommen im Atelier von Klaus Lutz, New York, 2009, Digitalprint, auf die Wand aufgezogen. Foto: Stefan Altenburger


Viel mehr als das Bild eines gross gewachsenen Performers, der im weissen Overall durchs All marschiert, immer mit irgendetwas hantierend, werden die wenigsten mit Klaus Lutz (*1940, St. Gallen-2009, New York) verbinden. Diesen Protagonisten seiner selbst trifft man nach wenigen früheren Auftritten im Swiss Institute in New York, im Helmhaus und in der Galerie Rotwand Zürich nun im Haus Konstruktiv an. Mit den Armen rudernd und ruckartig vorwärts schnellend, hüpft sein Alter Ego wie eine Aufziehfigur durch den schwerelosen Raum, kullert einzelne weisse Bahnen entlang durch lichtlose Sphären und bleibt an irgendeinem kleinen Wirbel hängen. Beim hektischen Geschehen wird nie ganz klar, was real, was gezeichnet, was zwei- oder dreidimensional ist. Die einzige Konstante ist diese einsame Gestalt, die immer in Aktion ist und dennoch nie zu einem erkennbaren Resultat kommt.
‹Field of Powder›, 1993/2004, ist einer von drei 16-mm-Filmen, die auf grosse weisse Ballons projiziert werden. Die Filmbänder rattern in langen Schleifen durch frei stehende Projektoren, die funkelnden Lichtblitze sind den als Filter dienenden gelochten Küchensieben zu verdanken. Einen vertieften Einblick ins Schaffen des Künstlers bieten dann im 2. Stock das sehenswerte filmische Porträt von Frank Matter sowie die wandfüllenden Fotografien von Hans Danuser. In einer grossen Tischvitrine liegen zudem Blätter, die zeigen wie Lutz aus rechtwinkligen und diagonalen Linien ein systematisch durchdekliniertes Zeichenalphabet entwickelte - abstrakte Hieroglyphen, in denen Strichmännchen endlos zu mutieren scheinen.
In einer anderen Vitrine stossen wir auf kleine Leporellos, die detailreiche Geschichten erzählen. Nicht nur die Titel ‹The Caveman to Robert Walser› oder ‹Bilderbuch zu Das Götzenbild von Robert Walser› referieren auf Walsers Mikrogramme. Wie diese sind sie bedeutungsvoll und doch unpathetisch. Sie wirken wie eine Flaschenpost ans Publikum mit Geschichten eines fremdsprachigen Erzählers, die wir nur teilweise entschlüsseln können. Doch gerade das macht sie höchst suggestiv.
Spätestens hier wird klar, dass der bekannte unbekannte Künstler doch sehr viel mehr als ein etwas verschrobener Universalist war. Wir sehen, wie aus einem Strich ein Alphabet und aus einem Zeichen ein Skript, ein Film und wieder eine Zeichnung werden kann. Oder wie aus verwobenen Erzählsträngen ein sich immer weiter öffnender Kosmos wird - komplex und erfrischend einfach zugleich.

Bis: 02.09.2012


Haus Konstruktiv, bis 2.9. Gesprächsrunde mit Frank Matter am 20.8.



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Ausgabe 7/8  2012
Ausstellungen Klaus Lutz [31.05.12-02.09.12]
Institutionen Museum Haus Konstruktiv [Zürich/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Klaus Lutz
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