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Besprechung
7/8.2012


Anna Francke :  Mit seiner Essayserie zum White Cube prägte Brian O'Doherty den Diskurs um das Verhältnis von Kunstwerk, Ausstellungsraum und Rezeption ab Mitte der Siebzigerjahre nachhaltig - weniger bekannt ist sein künstlerisches Schaffen. Nun bespielt er einen Stall in Amden mit einem minimalen Eingriff.


Amden : Brian O’Doherty


  
Brian O'Doherty · Taking a Line for a Walk, 2012, Installation, Ausstellungsansicht Atelier Amden © Pro Litteris. Foto: David Aebi


Hoch über dem Walensee, fern der Epizentren des Kunstsommers 2012 liegt eine lediglich zu Fuss erreichbare Scheune. Hier und in der Umgebung richtet Roman Kurzmeyer seit 1999 ortsspezifische Projekte mit zeitgenössischen Kunstschaffenden aus. Der gebürtige Ire Brian O'Doherty (*1928) entlarvte den White Cube in seinen Essays, die 1976 im Artforum erschienen, als vermeintlich neutralen, hermetischen, zeit- und ortslosen Ausstellungsraum. Vor der Folie dieses heute noch bevorzugten Präsentationsmodus wirkt das ‹Atelier Amden› als quasi anarchistischer Gegenpol. Die Räume sind aus Brettern gezimmert, voller Spinnweben, rund um die Uhr geöffnet und spärlich einfallendes Tageslicht ersetzt die Beleuchtung.
O'Dohertys ‹Rope Drawing›, ein das Gebäude durchkreuzendes Nylonseil, lenkt die Aufmerksamkeit auf die besonderen Rahmenbedingungen mit Spuren des landwirtschaftlichen Alltags, der Natur und der Zeit. Von einem Pflock im Freien ist der gelbe Strick durch die Tür des niedrigen Rinderstalls gespannt. Er verbindet mal Wände, Decke oder Boden, verläuft durch Ritzen hindurch ins Futterlager und den darüber liegenden Strohspeicher. Hier durchziehen akkurate, gerade Linien den hohen Raum, lediglich über seinem Eingang fällt das Seil lose als Halbkreis. Schliesslich stürzt es durch eine Luke in der Westfassade wieder ins Freie und endet in der Wiese.
Seit 1973 arbeitet O'Doherty an der Serie ‹Rope Drawings›. Neben seinen künstlerischen Aktivitäten, für die er von 1972 bis 2008 als Protest gegen die englische Irlandpolitik das Pseudonym Patrick Ireland verwendete, ist er als Kritiker und Autor in New York tätig. Seine präzise installierten Seile funktionieren als Zeichnung im Raum, häufig kombiniert er sie mit geometrischen Wandgemälden. So entstehen Überlagerungen aus Geraden, farbigen Flächen und den architektonischen Rahmenbedingungen. In Amden aktiviert der eigentlich starre Eingriff physische Bewegung, wie der Titel ‹Taking a Line for a Walk› verdeutlicht. Das Seil leitet nicht nur den Blick, sondern fordert auf, die Installation zu durchschreiten, wechselnde Perspektiven einzunehmen und die Wirkung der Linien auf den Raum und die eigene Wahrnehmung zu analysieren. Anders als der White Cube betont O'Dohertys Geste die Durchlässigkeit von Innen und Aussen, Ordnung und Chaos, Kunst, Architektur und Natur. Das Dazwischen wird bedeutsam und erlaubt im dynamischen Verhältnis von künstlerischer Geste, Ort und Betrachter/innen Raum für geistige Beweglichkeit.

Bis: 21.07.2012



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Ausgabe 7/8  2012
Ausstellungen Brian O'Doherty [19.06.12-21.07.12]
Institutionen Atelier Amden [Amden/Schweiz]
Autor/in Anna Francke
Künstler/in Brian O'Doherty
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