Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
7/8.2012


SØnke Gau :  Mit ‹Schnitt A-A'› zeigt das Kunsthaus Baselland erstmals eine Schweizer Einzelausstellung der dänischen, in Wien lebenden Künstlerin Sofie Thorsen. In ihren raumgreifenden Installationen untersucht sie das Verhältnis von Sichtbarkeit, Wissen und einer Geschichte der Moderne.


Basel/Muttenz : Sofie Thorsen, ‹Schnitt A-A'›


  
Sofie Thorsen · Spielplastiken, 2010/11


Im Untergeschoss des Kunsthauses zeigt Sofie Thorsen (*1971, Århus) drei raumgreifende, auf umfangreichen Recherchen basierende Installationen: ‹Schnitt A-A'› ist eine filmische und zeichnerische Analyse des Kinos im Innenhof der slowakischen Nationalgalerie; ‹Spielplastiken› thematisiert die Demontage von Spielplätzen, entworfen von Künstler/innen der Wiener Nachkriegsmoderne; ‹The Achromatic Island› untersucht das Phänomen einer Farbblindheit, welche in der Vergangenheit vermehrt auf der westdänischen Insel Fur auftrat.
So heterogen die konkreten Orte und Untersuchungsgegenstände auf den ersten Blick erscheinen mögen, so überzeugend gelingt es der Künstlerin, diese dennoch in eine sich wechselseitig überlagernde Beziehung zueinander zu setzen. Erste Hinweise auf Verbindungen zwischen den drei Arbeiten liefern wiederkehrende Elemente des Displays, vor allen Dingen die äusserst präzise Lichtregie der Filme sowie des gesamten Ausstellungsraums. Licht und Dunkel verweisen auf Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten, erscheinen gleichzeitig aber auch als Metapher für Wissen und Unwissen. In seinem lesenswerten Katalogbeitrag bezieht sich Christian Teckert auf Foucaults Befragung der historischen Produktionsformen von Sichtbarkeit, die in etwa besagt, dass abhängig von den jeweiligen gesellschaftshistorischen Perioden - und im Sinne eines «positiven Unbewussten» des Sehens - gewisse Dinge sichtbar sind, während andere Dinge verbannt im Schatten liegen.
Mit ihrem den künstlerischen Avantgarden verpflichteten Gestaltungsprogramm zielten die Spielplastiken darauf, die Grenze zwischen Kunst und Leben zu überwinden - was sich im vermeintlich marginalen Bereich von Spielplätzen natürlich gut umsetzen liess. Die Gestaltung der Geräte erinnert an die berühmt gewordenen Entwürfe von Aldo van Eyck, für den Spielplätze nicht nur Orte kindlichen Spiels waren. Zugleich sollten sie neue Möglichkeiten der Begegnung, der Bewegung und der Gedanken schaffen. Mittlerweile wurden die Spielplastiken in Wien fast alle entfernt. Auf den vergrösserten Archivaufnahmen der ehemaligen Standorte hat Thorsen ihre Formen ausgeschnitten. Die Leerstellen verweisen auf ein zeitliches Dazwischen, das sich erst nachträglich zu erkennen gibt. Thorsen bedient sich hier - wie auch in ihren anderen Arbeiten - eines Verfahrens, welches Teckert als eine «Archäologie der Sichtbarkeit in der Moderne» benennt. Sie führt Probebohrungen in die historischen Sedimente der Moderne durch, durchquert diskursive Schichten, bringt das Ausgegrenzte oder Verdrängte zum Vorschein und erhellt damit das Übersehene.
Der Film ‹Schnitt A-A'› widmet sich der Geschichte des Freiluft-Kinos der Na-tionalgalerie in Bratislava, das nach langen Verzögerungen in den Siebzigerjahren errichtet wurde. Auch dieser Ort war gedacht als einer, an dem sich Kunst und Leben verbinden. Weitestgehend ungenutzt soll allerdings bald der Abriss folgen. Der Titel der Arbeit erinnert an Architekturschnitte, aber auch an den Schnitt im Film. Thorsens Aufnahmen architektonischer Details erfolgen im Gegenlicht eines Projektors, der den Umraum des Kinos aus dem Dunkeln abhebt und sichtbar macht. An den ins Bild kommenden Bauelementen lässt sich erneut das utopische Potential einer Moderne ablesen, welche heute wie «aus der Zeit gefallen» wirkt und damit im doppelten Wortsinn als Projektion erkenntlich ist. Thorsens Arbeiten sind mehr als Dokumentationen. Denn durch Verschiebungen ins Fiktionale produzieren sie einen Bedeutungsüberschuss - die Deutung der Vieldeutigkeiten aber überlässt Thorsen den Betrachter/innen.
Dies gilt auch für die Filminstallation ‹The Achromatic Island›. Mit filmischen und fotografischen Mitteln wird in dieser Arbeit die Wahrnehmung von an einer bestimmten Art der Farbblindheit erkrankten Menschen untersucht. Durch die Abgeschiedenheit der Insel Fur kam es Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer Häufung dieser Erbkrankheit. Mit der Benennung und wissenschaftlichen Erforschung des Phänomens, mit den gleichzeitig sich ändernden ökonomischen Rahmenbedingungen sowie auf Grund einer erhöhten Mobilität - Indikatoren eines modernen Lebens also - ist das Krankheitsbild heute jedoch im Verschwinden begriffen. Thorsen führte mit Betroffenen Interviews über ihre Art des Sehens, die als Voice-over zu einem Film laufen, der versucht, dieses andere Sehen nachzuzeichnen. Deutlich wird dabei vor allem, dass eine Übersetzung von Seheindrücken in Sprache sowie die Weiterübersetzung dieser Sprache in Bilder immer nur eine Annäherung bleiben kann. So entsteht eine Kritik am vermeintlich objektiven Sehen - eines Sehens unter Verwendung optischer Geräte, welche technisch Objektivität suggerieren, und zugleich jenen Bereich verleugnen, der zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem zu vermuten ist.

Bis: 15.07.2012


Christian Teckert: ‹Öffentliche Abwesenheiten und abwesende Öffentlichkeiten›, in: Peter Pakesch/Sabine Schaschl/Katrin Bucher Trantow/Katia Huemer: Sofie Thorsen. Schnitt A-A', Mailand 2012, S. 74-81.



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2012
Ausstellungen Marc Bauer, Carlos Garaicoa, Sofie Thorsen [19.05.12-15.07.12]
Institutionen Kunsthaus Baselland [Basel/Muttenz/Schweiz]
Autor/in SØnke Gau
Künstler/in Sofie Thorsen
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120629122148FIP-9
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.