Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
9.2012


 Um 14:00 Uhr (London time) möge ich anrufen, schrieb Christian Marclay per Mail, und so wartete ich, bis es präzis 15:00 war in Zürich und tippte die 14-stellige Nummer ein, während die Predigerkirche die Stunde schlug. 45 Minuten Zeit hatte er mir zugestanden, mein Fragenkatalog lag vor mir. Aufgefüttert worden war ich durch einen Text im ‹New Yorker›, dem amerikanischen Magazin, das Marclay und seiner Arbeit ‹The Clock› erschöpfende 14 Seiten gewidmet hatte. Das Bild zeigt einen gutaussehenden schlaksigen Mann mit klarem Antlitz. Er trägt ein blaues Hemd, einer Mao-Uniform nicht unähnlich, mit Nähten, als wären sie mit Tipp-Ex gezogen.


Christian Marclay - Die Zeit läuft. 41 Minuten und 10 Sekunden mit ‹The Clock›


von: René Ammann

  
links: The Clock, 2010, Einkanalvideo, Dauer: 24 Stunden, Courtesy White Cube. Foto: Ben Westoby
rechts: The Clock, 2010, Einkanalvideo, Dauer: 24 Stunden, Courtesy White Cube. Foto: Ben Westoby


Marclays Monumentalwerk ‹The Clock› sei zu einer Ikone geworden wie Jeff Koons' begrünte Skulptur ‹Puppy› oder Damien Hirsts Hai in Formalin, schrieb der ‹New Yorker›, und sein Ruhm habe die Kunstwelt hinter sich gelassen und sei über diesen Kreis hinaus «international» geworden.
Koons, Hirst - und Marclay? Eine merkwürdige Gruppe. Der laute US-Amerikaner, der laute Brite - und der leise Amerikaschweizer. Alle drei beschäftigen sich in ihren drei grossen Werken mit den grossen Themen Zeit und Zerfall. Koons liess auf dem 17 Meter hohen Abbild eines süssen Welpen Blumen blühen und verwelken. Hirst hievte einen grimmigen toten Tigerhai ins Aquarium, mittlerweile das zweite Exemplar seit 1991, weil das erste den Weg alles Irdischen ging - es verrottete. Marclay zeigte an der Biennale in Venedig 2011 seine viel gelobte und preisgekrönte 24 Stunden lang laufende Arbeit ‹The Clock›, mit der wir uns gleich beschäftigen werden.
Marclay hob nach wenigen Sekunden ab. «Hello?» Er hat eine sanfte, tiefe, schön artikulierte und modulierte Stimme, wir sprachen Englisch und Französisch - Marclay wurde in den USA geboren, Mutter Amerikanerin, Vater Schweizer, wuchs aber in Genf auf und Französisch ist seine Muttersprache. Öfter bricht ein Lachen durch, das anfänglich wie ein kurzes, leise bellendes Husten klingt. Seine Stimme erinnerte mich an jene von John Cage, den Komponisten, dessen Wesen dieselbe meditative Ausstrahlung besass, wenn er sagte: «Diese Zürcher Trams, hören Sie es, wenn die losfahren? Es klingt wie Musik, es ist Musik, finden Sie nicht auch?»

Die Zeit ist Ihr Freund, aber die Freundschaft ist von kurzer Dauer


«Ich habe diesem Gespräch zugestimmt, möchte aber nicht, dass es als Interview veröffentlicht wird», sagte Marclay. «Gut», antwortete ich. - «Und bitte sorgen Sie dafür, dass es keine inhaltlichen Fehler hat, sprechen Sie mit dem Kunsthaus, mit Björn.» - «Einverstanden, es liegt nicht in der Absicht des ‹Kunstbulletins›, Fehler zu veröffentlichen.» - «Fein.» Die Regeln waren klar, wir konnten beginnen.

Von den Rolling Stones gibt's einen Song, der heisst ‹Time is on My Side›. Sehen Sie das auch so?

«Nun, die Zeit ist eine knifflige Sache, sie ist auf Ihrer Seite, aber sie wird Sie früher oder später umlegen. Die Zeit ist unzuverlässig. Sie ist Ihr Freund, aber die Freundschaft ist von kurzer Dauer.»

Ihre Arbeit ‹The Clock› wurde von Maja Hoffmanns Stiftung für ihr neues Museum in Südfrankreich und vom Kunsthaus Zürich gemeinsam gekauft. Werden Sie Ihr Werk präsentieren wie an der Biennale Venedig?

«‹The Clock› ist ja kein Film. Ein Film hat einen definierten Beginn und ein definiertes Ende. Alle gehen zusammen hin - und zusammen weg. ‹The Clock› hat weder einen Beginn noch ein Ende. Er stoppt, wenn Sie den Raum betreten, und stoppt, wenn Sie weggehen. Im Kino müssen alle aufstehen, wenn jemand gehen will. Das wollte ich vermeiden. Wir zeigen den Film in einer Black Box. Mit bequemen Sofas. Er muss in Echtzeit gespielt werden. Also wenn es in Zürich 14 Uhr ist, dann ist es auch 14 Uhr in ‹The Clock›. In zwei Nächten ist ‹The Clock› durchgehend zu sehen.»

Drei Jahre lang hat Marclay in London mit sechs Assistenten Filme nach Einstellungen durchforstet, auf denen die Zeit abgebildet war. Zeit auf der Armbanduhr, am Kirchturm, auf dem Wecker, der Ständeruhr, der Taschenuhr, Zeit auf der Anzeige am Bahnhof oder im Spital. Im Jahr 2005 hatte Marclay die Idee, 2007 begann er in London mit der Umsetzung. Und stellte Studenten ein, die ihm halfen. «Ich hätte es selber tun können, aber ich sässe noch heute vor dem Computer», lacht er.

«Etwa 3000 Filme, vermutlich mehr» (Marclay) wurden ausgeliehen und angeguckt. Französische, britische, japanische, chinesische Filme, einfach alles, was die Videotheken in London führten, hinzu ein paar Serien aus dem US-Fernsehen. Wurde einer im Team fündig, legte er die Sequenz, die beispielsweise 5:05 PM zeigte, im Ordner «5 to 6 PM» ab. Dann begann Marclays Arbeit erst richtig: Das Auswählen und Zusammenfügen der Schnipsel. «Wenn ich zehn Clips hatte, die 5:05 zeigten, konnte ich herumspielen und einen erzählerischen Zusammenhang herstellen. Als Zuschauer bleibt man interessiert, weil es immer einen Zusammenhang gibt, ob Ton oder Schauspieler oder Geste oder Bewegung. Ein Mensch im Auto, Schnitt, ein anderer Mensch im Auto und so weiter. Es machte mir Spass, diese kleinen Brücken zu finden.»
Am wenigsten Fragmente gab die Zeit zwischen 5 und 5:30 Uhr früh her. Um Mitternacht, da bauen sich schreckliche Dinge auf, aber zwischen 3 und 5 Uhr früh? Da wälzen sich die Menschen im Schlaf, blicken trübe auf den Wecker. Nach 5:30 schellt der Wecker. «Wie im richtigen Leben halt», sagt Marclay. «Eine weitere schwierige Zeit war nach dem Mittagessen. Da geschieht einfach nichts. Alle sind müde.»

I told you not to call here... get lost!

Sampling. Darin fügt sich ‹The Clock› nahtlos in Marclays Werk. Mit 22 hatte der Genfer (*1955) am Massachusetts College of Art in Boston begonnen, aus gebrauchten Covers von Vinylplatten neue Geschichten zu erzählen. Dem liegenden Michael Jackson verpasste er einen Damenunterleib mit Slip und rotem Slingback-Pumps am rechten Fuss, und auf einem weiteren Cover einen silbernen Schuh am linken Fuss. Die Umschläge nähte er mit der Maschine zusammen.
Die alten, verkratzten Platten spielte er als DJ auf vier Plattentellern ab, wechselte sie ständig, veränderte die Drehzahl nach zufälligen Prinzipien, fügte die Musik zu einem neuen Universum zusammen - und warf die Platten schliesslich zu Boden. Auf Youtube gibt's ein Video von 1989. Es zeigt Marclay in der US-Fernsehsendung ‹Night Music›. Wer sich das Teil anhört und ansieht, dem wird rasch klar, dass es nicht allein an der Frisur des Präsentators lag, dass die Show nach wenigen Malen vom Sender genommen wurde.
Populär wiederum ist Marclays Arbeit ‹Telephones› von 1995. Da schnitt er Sequenzen aus Hollywood-Filmen, die Leute am Hörer zeigten. Sie sagen Dinge wie «Hello Dave!», «Hello Felix!», «Darling, it's me!» oder «I told you not to call here...» und «Get lost!». 7 Minuten 17 Sekunden dauert der Spuk, und man merkt Marclay die diebische Freude an, die er gehabt haben muss, als er die Teile aus den Filmen pickte und zu einer neuen Geschichte zusammenfügte, zu seiner Geschichte.

Sie arbeiteten drei Jahre an ‹The Clock›...

«Ja. Und das Spannende daran war das Editieren, Dinge zusammenpacken, die nicht notwendigerweise zusammengehören. Filme sind aus Fragmenten gebaut, und aus ihnen schafft man den Fluss, den Ablauf. Das mochte ich. Aus Sequenzen ein neues Werk formen.»

Ab und zu sieht man eine brennende Zigarette.

«Das klassische Memento Mori in der Kunstgeschichte ist eine Kerze. Rauch. Eine Kerze, die ausgelöscht wird. Die Zigarette ist unglaublich cinematisch, im Film Noir taucht sie ständig auf. In den USA kann man heutzutage keine Leute mehr zeigen, die rauchen. Rauchen, das ist Krebs, Krankheit, Tod.»

...nur die Bösewichte rauchen in Hollywood-Filmen noch. Rauchen Sie?

«Nein.»

Wenn Sie Ihr bisheriges Leben anschauen: Würden Sie etwas anders machen, wenn Sie das könnten?

«Wir alle würden gerne zurückgehen - mit den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Zu wissen, dass das Leben so kurz und zerbrechlich ist, lässt es uns umso mehr schätzen. Sicher, man versucht ständig, sich zu verbessern, aber letztlich muss man mit dem leben, was passiert. Als Künstler ist man ständig gefordert, sich zu verändern, doch man muss der Improvisation trauen, seinen Instinkten. Es liegt in der Natur des Lebens, dass man nicht zurückkann. Was immer auch geschieht, geschieht.»

Sind Sie noch irgendwie mit der Schweiz verbunden?

«Meine Familie lebt hier und ich habe einen Ort in den Bergen, wo ich auch Ski fahre. Eigentlich bin ich sehr schweizerisch (er lacht). Die Amerikaner sagen, ich sei Amerikaner, die Briten sagen, ich sei Brite, die Schweizer sagen, ich sei Schweizer. Wissen Sie, die Kunst hat mit der Nationalität nichts zu tun. Wir sind alle multinational, speziell die Schweizer.»

Die Musik ist der Leim

Sie sagten, um 14:45 sei unsere Zeit vorbei. Bald ist es so weit. Sind Sie immer so strukturiert?

«Nicht immer, aber ich mag Routine. Ich arbeite dann besser. Ohne Routine schiebe ich Dinge auf. So lange, bis ich sie gar nicht mehr tue. Routine ist befreiend. Sie befreit mich von diesem ständigen Kampf, mit der Arbeit zu beginnen. Überall wird einem die Zeit vorgehalten.»

Was ist Ihre nächste Arbeit?

«Ich bin in ein paar Performances engagiert. Der Moment ist wichtig. Keine Proben, nichts. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Morgen stehe ich mit Fred Frith auf der Bühne. Wir schreddern Musik. In ‹The Clock› ist Musik ein sehr wichtiger Teil übrigens, sie ist der Leim, der alles zusammenhält. Man glaubt, man sei im selben Film, aber es ist die Musik, die uns das vorgaukelt. Das Sampeln hat mir grössten Spass gemacht. Mit Fred Frith auf der Bühne ist das so: Ich lege Platten auf, er spielt Gitarre - oder extended Gitarre (wer sich den Clip auf Youtube vornimmt, weiss, was Marclay damit meint...), denn er benutzt jede Menge Dinge, um die Saiten zu bearbeiten, ein paar Bürsten ebenfalls. Und, ja, es ist nicht schwer nachzuvollziehen, welchen Einfluss John Cage auf die Musikszene hatte. Wir sind ihm dankbar dafür, dass er die Türen geöffnet hat.»

Keine Filme mehr?

«Nein. I am trying to stay away from videos for a while.»

Unser Gespräch war um 14:41 Uhr beendet.

René Ammann ist Buchautor, Reporter und Textproduzent. Er lebt in Zürich.


Bis: 02.09.2012


Nachtschichten für Film- und Kunstliebhaber: 24./25.8. und 31.8./1.9. Der Zugang bleibt über Nacht gewährleistet, während die anderen Teile der Sammlung geschlossen sind.



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2012
Ausstellungen Christian Marclay [24.08.12-02.09.12]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in René Ammann
Künstler/in Christian Marclay
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120808134845DV8-1
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.