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Fokus
9.2012


 «Ich suche nach den Fragmenten, die nicht in die offizielle Geschichte eingehen», sagt Rosa Barba über ihre Verfahrensweise, Film mittels narrativer Strukturen zu konstruieren. In komplexen Überlagerungen verschiedener Medien schuf die Künstlerin in den letzten Jahren ein umfangreiches Werk, in dem die Diskurse von Film und Geschichte in ein dichtes Geflecht von Fiktion und Dokumentation eingehen. Die filmische Apparatur ist skulpturales Ereignis und Protagonistin zugleich, das Rattern der Projektoren, der Live-Sound, Textfragmente und Bilder spielen miteinander. Im Kunsthaus Zürich zeigt die in Berlin lebende Künstlerin zurzeit eine Auswahl ihrer neuesten Arbeiten. Die Ausstellung ist als fortlaufendes Projekt mit dem Jeu de Paume Paris und der Kunsthalle Bergen geplant.


Rosa Barba - Weisses Licht erhellt die Nacht


  
links: Color Clocks: Verticals Lean Occasionally Consistently Away from Viewpoints, 2012, 3 Filmskulpturen, 35-mm-Film, Motoren, Neonlampen
rechts: Space-Length Thought, 2012, 16-mm-Film, Projektor, Schreibmaschine


Grzonka: Deine Arbeiten sind sehr schwer zu beschreiben: Es sind komplexe installative Arrangements, in denen der Filmprojektor, die Projektionsfläche des Films, aber auch das Filmlicht selbst in Interaktion treten. In den Sechziger- und Siebzigerjahren stellten Formen des «Expanded Cinema» die geläufige Form von Filmprojektion in Frage. War dies ein Ausgangspunkt für deine eigene Arbeit?

Barba: Es gibt da sicher Überschneidungen bei den experimentellen Vorgehensweisen, jedoch interessierte mich immer in erster Linie die erzählerische Fragmentierung mit den Möglichkeiten des Filmes.

Grzonka: Nach wie vor finde ich die Frage interessant, warum du hauptsächlich mit dem Medium Film arbeitest, ist es nicht ein «aussterbendes» Medium?

Barba: Ich habe im Laufe der Zeit eine spezielle eigene Art entwickelt, mit dem Film performativ umzugehen: einerseits als Aufnahmeapparat aber dann auch in der räumlichen Inszenierung. Ich glaube nicht, dass er komplett aussterben wird, eher dass in ein paar Jahren die Vorteile des Filmes wieder präsenter und einige Bildproduzenten wieder zum Filmmaterial zurückkehren werden.

Grzonka: Welchen Vorteil bietet der analoge Film gegenüber der digitalen Produktionsweise?

Barba: Der Film ist nicht das alleroffenste Medium, aber ich mag die ihm eigenen Beschränkungen. Ich kam über die Fotografie zur Kamera. Ich entwickelte Bilder in der Dunkelkammer, und sie wirkten wie Standbilder auf mich. Das war prägend in Bezug darauf, wie ich Bilder betrachte. Beim Film gibt es spezifische Beschränkungen, dass man mit Licht arbeitet und zugleich ein performativer Aspekt da ist, weil man immer nur drei oder zwölf Minuten zur Verfügung hat. Die dazwischen geschnittenen Weisskader kamen von dieser Beschränkung. So entstand mein Vokabular. Ich verwendete diese Cuts, um den Film zu brechen und mit dem Raum zu arbeiten. Ich wüsste gar nicht, wie man ohne solche Grenzen experimentell arbeiten sollte.

Stationen einer Erzählung

Grzonka: Du erweiterst deine Arbeiten sehr stark mit Elementen der bildenden Kunst, indem der Filmprojektor zur Skulptur wird, indem eine Projektion als Malerei gelesen werden könnte. Aber hinzu treten auch andere Erweiterungen: performative, Sound, Text... Wie siehst du das Verhältnis zwischen diesen Elementen?

Barba: Viele Arbeiten sind Stationen einer Erzählung, die auf abstrakteste Weise eine Skulptur repräsentieren. Ich versuche zu erforschen, wo Objekte aufeinander treffen und zu Ideen werden. Diese Ideen sind Ausgangspunkte und nicht Antworten, die auf einer starren Bühne bestehen müssen. Eine Art simultanes Zusammenspiel - wie ein Musikstück, das aus vielen verschiedenen Ebenen und Bedeutungen besteht. Ich versuche meine Arbeiten so zu konstruieren, dass man immer auch ihre Teile untersuchen kann, und zwar technisch wie semantisch gesehen, sinnlich und historisch. Zusammen ergeben diese Teile dann ein Musikstück, eine Geschichte oder ein Bild, die allesamt einer Idee Form verleihen. Die einzelnen Teile sind also Ausgangspunkte für Untersuchungen und Assoziationen, die über die eigentliche Arbeit hinausweisen.

Grzonka: In welcher Form greifst du auf narrative Strukturen zurück?

Barba: Ich suche nach den Fragmenten, die nicht in die offizielle Geschichte eingehen. In dieser Hinsicht ist alles, was übrig bleibt, Geschichte. Aber da sind diese Splitter, die noch nicht verarbeitet worden sind, die noch nicht als historische Dokumente geltend gemacht wurden. Diese «Dokumente» sind die Ausgangssituationen meiner Erzählungen, die ich auf komplexe Weise fragmentiere, um verschiedene Erzählebenen zuzulassen.

Destabilisierte Einzelteile

Grzonka: Wie wirkt sich diese Verbindung in deinem neuen Werk ‹Color Clocks› aus, das in Zürich gezeigt wird?

Barba: ‹Color Clocks: Verticals Lean Occasionally Consistently Away from Viewpoints›, 2012, besteht aus drei frei stehenden kinetischen Objekten, von denen jedes die Bezeichnung einer Farbe wiedergibt: Rot, Blau und Gelb. Alle Objekte bewegen ihre jeweiligen Farben mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und erschaffen so ein kinetisches Gemälde. Sie beziehen sich auf die Farbstudien in der Kunstgeschichte, aber sie treten auch in Dialog mit den Objekten von Giacometti im Kunsthaus Zürich.

Grzonka: Eine deiner neuen Arbeiten heisst ‹Boundaries of Consumption› ...

Barba: Hier bewegen sich zwei Metallgloben auf unberechenbare Weise auf einem Stapel Filmbüchsen. Ihre Choreografie wird dokumentiert: Zwei ruhelose Schatten kontrastieren mit dem statischen Weissbild, das an die Wand projiziert wird. In diesem Spiel mit Stabilität und Gleichgewicht beleuchtet der Projektor die Kugeln und verursacht ausserdem ihre Bewegung. Der projizierte Zelluloidfilm schlängelt sich ebenfalls durch den Büchsenstapel, bringt einzelne Elemente zum Wackeln und destabilisiert sie. Es ist ein Balanceakt, der durch eine filmische Destabilisierung hervorgerufen wird.

Wiederholende Muster

Grzonka: Und worum geht es bei ‹Time as Perspective›?

Barba: Für diesen Film bin ich über Zigtausende von Bohrtürmen in der Wüste geflogen und habe ihre monotone skulpturale Bewegung aufgezeichnet. Auf den Ölfeldern hinterlassen sie unsichtbare, immer gleiche, sich wiederholende Muster im Boden - oder in meinem Film. Ihre «Handschrift» bleibt verborgen.

Grzonka: Hier wird die Landschaft als Dystopie thematisiert, aber in früheren Arbeiten, beispielsweise in ‹White Museum›, beschreibst du auch einen «beruhigten» Zugang zum Landschaftsbild: Weisses (Film-)Licht strahlt in die Nacht und erhellt einen Ausschnitt der Landschaft, sodass ein «Bild» konstituiert wird. Diese Konstruktion wirft die Frage des Seh-Apparates zurück zur/zum Betrachter/in: Wann und unter welchen Bedingungen nehmen wir die Aussenwelt als «Bild» wahr?

Barba: In ‹White Museum› von 2010 wird das Museum in Vassivière in einen Projektor verwandelt. Das Objektiv ragt aus einem kleinen Fenster heraus, das auf den grössten künstlichen See Frankreichs gerichtet ist. Der Architekt Aldo Rossi hat das Museum so gebaut, dass von diesem Fester ein perfektes Landschaftsbild gerahmt wird. Ich benutzte dieses Fenster als «Ausbruch», oder um einen versetzten Rahmen zu zeichnen. Das weisse Licht rahmt ein Landschaftsbild in dreidimensionaler Weise. Es vermischt sich mit dem Sound des Projektors und dem Sound der Natur zu einem neuen Soundtrack. Es entsteht ein fast perfektes Landschaftsbild, das nicht nur versucht, etwas abzubilden, sondern versucht, das Bild auf verschiedenen Ebenen der Illusion hervortreten zu lassen.
Patricia Grzonka lebt in Wien und schreibt über Kunst und Architektur.


Bis: 09.09.2012


Rosa Barba (*1972, Sizilien) lebt in Berlin

1993-1995 Studies of Theatre and Filmscience in Erlangen, Germany
1995-2000 Academy of Media Arts, Cologne, Germany
2001/2002 c3-Institute, Budapest, Hungary
2003-2004 Residency Programme, Rijksakademie van Beeldende Kunsten, Amsterdam
2006 Production in Residence, Baltic Art Center, Visby, Sweden
2007 Museumsquartier, Vienna, Austria, Villa Aurora, Pacific Palisades, Los Angeles, USA
2007/2008 IASPIS, International Artists Studio Program, Stockholm, Sweden



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Ausgabe 9  2012
Ausstellungen Rosa Barba [06.06.12-09.09.12]
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Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Institutionen Centre International d'Art et du Paysage [Ile de Vassivière/Frankreich]
Institutionen Jeu de Paume [Paris/Frankreich]
Künstler/in Rosa Barba
Künstler/in Laurent Grasso
Künstler/in Eva Besnyö
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