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Fokus
9.2012


 In Leipzig wird bis 2014 ein Denkmal gebaut. Es soll an den 9.10.1989 erinnern, an die Montagsgebete und die grosse Demonstration mit 70 000 Menschen. Philip Ursprung hat als Jurymitglied am aufwändigen Prozedere teilgenommen. Zugleich ist er am Festival ‹Art and the City› in Zürich beteiligt. Grund genug, in einem Gespräch die Projekte zu vergleichen.


Ein Denkmal und ein Festival - über Modelle von Kunst im öffentlichen Raum


  
links: Wilfredo Prieto · Apolítico, 2001, Kooperation Daros Latinamerica, Zürich. Foto: W. Egli Der kubanische Künstler lässt die Fahnen aller von der UNO anerkannten Nationen in einer Schwarz-Weiss-Version über der Hardturm-Stadionbrache flattern, wo einst Fussball-Länderspiele ausgetragen wurden.
rechts: Franziska Furter · Mojo, 2012, Courtesy Lullin + Ferrari, Zürich. Foto: W. Egli Der Titel des aus rund 100 Windspielen zusammengebauten Objektes ist ein aus dem Afrikanischen stammender Begriff für Glück, Selbstbewusstsein und Sexappeal. Die Basler Künstlerin hat das «Super-Amulett» für den neuen Stadtteil Zürich-West in einem Vidadukt-Bogen plaziert.


Polzer: Du bist aktuell als Jurymitglied beteiligt an der Entstehung des Leipziger Freiheitsdenkmals. In Deutschland gibt es einige Mahnmale und jetzt auch wieder vermehrt Denkmale. Die Schweiz kennt diese spezifische Gattung der Kunst nicht, weil sie von den grossen historischen Ereignissen nicht betroffen war. Was hat dich als Schweizer an diesem deutschen Denkmalprozedere am meisten fasziniert oder auch irritiert?

Ursprung: Der Prozess ist hochinteressant und das Thema geht mir als Kunsthistoriker aber auch privat durchaus nahe. Ich kenne die Situation in Ostdeutschland recht gut und die Diskussionen um das Verschwinden der DDR und die sogenannte Wiedervereinigung haben mich nie losgelassen. Im Unterschied zu Projekten von Kunst und Bau und Kunst im öffentlichen Raum, die ich in der Schweiz begleiten durfte, ist in Leipzig tatsächlich ein Thema da. Es gibt einen welthistorischen Grund, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. In der Schweiz sind derartige Projekte in erster Linie formal und nicht als Teil eines historischen Prozesses motiviert. Von daher geht die Auseinandersetzung in Leipzig sehr viel weiter und tiefer. Getragen wird das Projekt vom Bund mit 5 Millionen und vom Land Sachsen mit 1,5 Millionen Euro. Die Stadt selbst hat ein Grundstück zur Verfügung gestellt. 6,5 Millionen, das ist ein substantieller Betrag. In der Schweiz wäre es nicht denkbar, dass der Staat in derart grossem Massstab etwas im Bereich der Kunst im öffentlichen Raum initiiert und eine Kommune dafür ein Filetstück hergibt.

Polzer: Warum nicht?

kein Denkmal für die Schweiz

Ursprung: Weil wir keinen konkreten Anlass haben und sich auch in den Parlamenten sicher keine Mehrheit für ein solches kulturelles Projekt finden liesse. Im Fall von ‹Art and the City› geht es ja nicht um eine politische Diskussion, sondern um die Markierung einer Stadterweiterung, wenn man so will um den neuen Financial District. Die Diskussion lässt sich also kaum vergleichen - mit der Ausnahme vielleicht, dass in beiden Fällen die städtischen Behörden den touristischen Aspekt relativ hoch gewichten, Stichwort Standortmarketing.

Polzer: Fändest du es gewinnbringend, wenn die Schweiz auch derartig grosse Denkmäler erstellen würde, inklusive des ganzen vorgängigen Prozedere?

Ursprung: Nein. Wir wissen gar nicht, woran wir uns erinnern sollen. Wir waren das einzige Land der Welt, das 1989 den Beginn des Zweiten Weltkriegs gefeiert hat. Man stelle sich vor, dass dafür auch noch ein Denkmal gebaut worden wäre! Interessanter wäre es gewesen, die ambivalente Rolle der Schweiz während des Kriegs darzustellen. Der Nachtwächter Christoph Meili, der 1997 bekannt machte, dass die UBS Dokumente zu den nachrichtenlosen Vermögen ehemaliger jüdischer Kunden vernichtete, hätte ein Denkmal verdient. Aber wer kennt heute noch seinen Namen? Diese ganze Diskussion - Stichwort Bergier-Kommission, Stichwort Eizenstat-Bericht - ist in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt worden. Unser Mythos ist, dass es hier gar keine Geschichte gibt, dass der Krieg, ja die Geschichte überhaupt, irgendwo sonst stattgefunden hat und wir neutral geblieben sind. Auch an der Expo.02 hatte die Öffentlichkeit kein Interesse. Die Idee der Schweizerischen Landesausstellung wurde sowohl von den Behörden wie auch von der Bevölkerung aus einer reservierten Distanz verfolgt, und sie hat keinerlei Spuren hinterlassen.
Was aus meiner Sicht nötig wäre und was vielleicht das Bewusstsein für die Geschichte schärfen könnte, wäre eine Turnus-Ausstellung. Wir haben ja in der Schweiz seit Harald Szeemanns ‹When Attitudes become form› von 1969 keine nennenswerte internationale Ausstellung gehabt, nichts, was mit einer documenta oder einer Biennale vergleichbar ist. Das heisst, diejenigen Ausstellungen, die als Plattform des Diskurses fungieren, wo Meinungen gebildet werden und Konfrontationen stattfinden, laufen immer ausserhalb der Schweiz ab. Eine Turnusausstellung, ein wiederkehrendes Projekt könnte internationale Strahlkraft, Debatten und Diskussionen hierherbringen.

Polzer: Du meinst, dass auch das Bewusstsein für Historisches mit derartigen Turnusausstellungen gefördert würde?

Ausstellung als Diskursplattform

Ursprung: Die documenta, die alle fünf Jahr stattfindet, handelt jedes Mal auch von ihrer eigenen Geschichte. Dasselbe gilt für die noch viel ältere Biennale in Venedig, und selbst die Manifesta, für die Zürich sich ja jetzt bewirbt, bringt ihre Geschichte mit sich. Das sind Prismen oder Vergrösserungsgläser, durch die man blickt und durch die etwas in Gang gesetzt werden kann. Hierzulande gibt es ja nur die Basler Kunstmesse, die international ausstrahlt. Aber es ist eine Messe ohne Thema, ohne Fragestellung, welche die Illusion vermittelt, man wäre mitten in der Kunstwelt.

Polzer: ‹Art and the city› ist gleichsam das Gegenteil des Leipziger Denkmals. Während sich dieses auf die Vergangenheit ausrichtet und von dort eine Brücke zur Zukunft schlagen will, breitet sich das Zürcher Projekt horizontal aus, es bleibt ganz bei Themen und Fragestellungen aus der Jetztzeit. Und während das Freiheitsdenkmal ausschliesslich über öffentliche Gelder finanziert wird, sind die 2,1 Millionen Schweizer Franken des Zürcher Projekts zu zwei Dritteln von Privaten finanziert. Die Stadt Zürich ist mit CHF 700 000 am Projekt beteiligt. Welche Haltung hast du gegenüber ‹Art and the City›?

Ursprung: Meine Haltung ist ambivalent. Ich bin einerseits froh, dass Zürich eine eigene Institution für Kunst im öffentlichen Raum besitzt. Das ist ein grosser Gewinn für Künstler/innen und Architekt/innen und im Moment international wohl einzigartig. Die Stadt hat damit ein Instrument zur Verfügung, das hilft, langfristig städtische Planung und städtisches Zusammenleben zu reflektieren und in einzelnen Punkten zu verbessern. Die Ambivalenz liegt darin, dass das Projekt ephemer ist, also eine zeitlich klar begrenzte Ausstellung, wie schon die Expo es war. Das heisst, das Engagement ist provisorisch und die Spuren werden Ende September wieder verschwunden sein. Damit nimmt man der Kunst im Freien vielleicht den grössten Stachel, nämlich die zeitliche Dauer. Man verwandelt die Stadt vorübergehend in ein Museum, d. h. man neutralisiert sie, deklariert sie als eine Art Kunstzone, nimmt sie aus der Wirklichkeit heraus.

Polzer: Das Schwierige an dem «Festival» ist wohl auch, dass seine Entstehungsgeschichte - trotz einer weitgehenden Loslösung davon - bei den von der City- Vereinigung im Stadtraum aufgestellten Löwen und Kühen beginnt. Es handelt sich vorwiegend um materiell kompakte Arbeiten, es gibt wenig Handlungsorientiertes, Transdisziplinäres, In-die-Häuser-Hineingehen.

vom Stadtmarketing zur Autonomie

Ursprung: Es ist sicher ein wunder Punkt des Projektes, dass es tiefe Wurzeln im Stadtmarketing und in der Ökonomisierung des Stadtraums hat. Kunst wird nicht als Instrument der Analyse, der Kritik oder des Protestes eingesetzt, sondern affirmativ als Begleitaktion der Stadterweiterung. Auch die documenta ist aus dem Stadtmarketing geboren, um das damalige «Zonenrandgebiet» um Kassel aufzuwerten. Aber inzwischen hat sie, gerade auch durch ihre regelmässige Wiederkehr, eine grosse Autonomie erlangt. Man merkt es ihr kaum noch an, dass sie eine GmbH ist. Das heisst, sie hat es geschafft, als Institution die Autonomie der Kunst zu schützen und tatsächlich ein Ort des Experiments zu werden. Das wäre theoretisch auch in Zürich denkbar, wenn ‹Art and the city› zu einer Tradition werden könnte, die dann wechselnden kuratorischen Einsätzen offen steht.

Polzer: Städte werden heute zunehmend kuratiert. Früher war die Stadt das ganz Andere zum musealen Raum. Jetzt scheinen sich diese Pole anzunähern.

Ursprung: Es ist symptomatisch, dass das Projekt ‹Art and the City› heisst. City ist ein anderer Begriff für Gated Community, er bezeichnet eine geschützte räumliche Situation, die das Urbane im Sinne der Konflikte oder Differenzen draussen haben will. Eine City - man denke an die RailCity oder die Science City, wo ich selbst arbeite - ist eine separierte Zone, in der keine Autos, keine Bettler, keine sozialen Konflikte, keine Armut, keine Unfallgefahr, kein Lärm vorkommen dürfen. Alles, was diesen homogenisierten, kommerzialisierbaren Raum stören könnte, wird fern gehalten. Dabei spielt das Kuratieren eine wichtige Rolle. Die Kunst wird zu einem Symbol des Anspruchs, dass hier städtisches Leben stattfindet, sie macht die Stadt zur Lounge. Aber es gibt auch Gegenbeispiele: Mir haben letztes Jahr sehr gut ‹Ciudades paralelas› von Lola Arias und Stefan Kaegi gefallen. Performances und Führungen fanden in der Stadt und auch in der Agglomeration statt, in Hotels, Bibliotheken oder Fabriken.

Polzer: In der Publikation zu ‹Art and the City› ist ein Text von dir erschienen. Mit Bezug auf ‹Common Wealth› von Hardt und Negri schreibst du über das Modell des Kommunen, das sich zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen situiert. Du erwähnst Tatlins ‹Denkmal der 3. Internationale› oder die Spomeniks im ehemaligen Jugoslawien. Gibt es in Zürich oder in Leipzig eine Arbeit, von der du denkst, sie könnte diesem Kommunen nahekommen?

das Kommune

Ursprung: Ja, in Leipzig wurde leider eins der 39 nach der Präqualifikation eingereichten Projekte vom Wettbewerb disqualifiziert. Es schlug vor, den für das Denkmal vorgesehenen Platz zur exterritorialen Zone zu erklären, wo die Behörden keinen Zugriff haben. Das gesamte Geld sollte der Bevölkerung von Leipzig übergeben werden, die in Selbstverwaltung entscheiden kann, was damit geschehen soll. Alle Projekte wurden anonym begutachtet. Am Ende des Verfahrens stellte sich heraus, dass der Verfasser Santiago Sierra ist. Der Vorschlag verhandelte beispielhaft das Thema des Kommunen, indem er die Frage stellte: Was befindet sich jenseits der staatlichen Repräsentation einerseits und der Privatisierung andrerseits?

Es ist natürlich kein Zufall, dass dieses Projekt sofort von der Mehrheit der Jury ausgeschlossen wurde, weil es genau den Konflikt darlegt, dass das Denkmal ein Ereignis memoriert, bei dem sich die Menschen gegen staatliche Repräsentation gerichtet haben. Aber der heutige Prozess, das Denkmal zu errichten, ist natürlich nur innerhalb eines Systems der staatlichen Repräsentation überhaupt möglich. Das heisst, das Kommune ist aus dieser Perspektive nicht darstellbar und konnte deswegen auch aus formalen Gründen ausgeschlossen werden, weil es der in der Ausschreibung geforderten «Materialität» anscheinend nicht entsprach. In Zürich haben wir zwei Drittel private Akteure, ein Drittel öffentliche. Beides sind Vertreter eines repräsentativen Systems, wo das Kommune keinen Ort hat, es sei denn vielleicht in performativen Momenten beispielsweise bei San Keller, Hamish Fulton oder Marjetica Potrč. Dies sind die Situationen, die mich am meisten interessieren, weil sie den traditionellen Dualismus, privat versus öffentlich, in Frage stellen.

Philip Ursprung (* 1963) ist Professor für Kunst- und Architekturgeschichte am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich. Er ist Mitglied vom Zentrum Geschichte des Wissens, einem Kompetenzzentrum der Universität Zürich und der ETH Zürich.



Bis: 23.09.2012


Rahmenprogramm u.a.: Symposium, Technopark, 22.9., 9-17 Uhr; Performances von Saâdane Afif, beim Schiffbau, taeglich ca. 17 Uhr; , mit Andres Bosshard, 1./15./22.9., 18 Uhr; 2./16./23.9., 11 Uhr; zu Industriegeschichte und Biodiversitaet mit dem Kuenstler und selbsternannten "Spaziergangwissenschaftler" Christian Ratti, 2.9., 14 Uhr; , Debatte (e) mit Aoife Rosenmeyer, 6.9., 18 Uhr; der Feuerwerks-Kuenstlerin Sandra Kranich, Vulkanplatz, 23.9., 21 Uhr.;

Publikation: Ein Kunstprojekt im oeffentlichen Raum. Christoph Doswald (Hg.). JRP/Ringier 2012



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Ausgabe 9  2012
Ausstellungen Art and The City [09.06.12-23.09.12]
Institutionen Öffentlicher Raum Zürich-City/Zürich-West [Zürich/Schweiz]
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