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Fokus
9.2012


 Drei junge Männer schauen gebannt aufs Meer hinaus, in der Ferne ist ein Schiff zu erkennen. Mit dieser Fotografie hat die marokkanische Künstlerin Yto Barrada eine Chiffre für das brennende Thema der Migration geschaffen und gleichzeitig ein Sinnbild für die hoffnungslose Situation der Menschen in ihrer Heimatstadt Tanger.


Ansichten - Yto Barrada, ‹Belvedere I›


von: Edith Krebs Nduakasa

  
Yto Barrada · Belvedere 1, 2001, Fotografie, 49,5 x 50 cm, Courtesy Gallery Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut // Sammlung Deutsche Bank


Auf der Heimfahrt von der dOCUMENTA (13) in Kassel kamen wir im Zusammenhang mit der Installation ‹Ghost› des algerischen Künstlers Kader Attia auf die Kolonial­geschichte zu sprechen. Was, so fragten wir uns, würde eine spätere Generation als das zentrale Versagen der heutigen Zeit erkennen?
Die (illegale) Migration ist zweifellos eines der Themen, für die unsere Gesellschaft offensichtlich keine brauchbaren Lösungen kennt. Die europäischen Aus­sengrenzen zu schliessen, so wie es das Schengener Abkommen vorsieht, verschärft das Problem zusätzlich. Regelmässig lesen wir in der Zeitung - meist in einer Randnotiz - von Flüchtlingsdramen, von Menschen, die auf ihrer Fahrt übers Mittelmeer ertrunken oder verdurstet sind. Die Fotografie ‹Belvedere I›, 2001, der marokkanischen Künstlerin Yto Barrada versinnbildlicht für mich die Problematik der Migration, die ihrerseits auf einer massiven sozialen und ökonomischen Ungleichheit beruht. Auf dem kontrastreichen Schwarzweiss-Bild sehen wir drei Jugendliche in Rückenansicht an einer mit Kritzeleien übersäten Mauer stehen. Ihre Kleidung weist sowohl westliche als auch nordafrikanische Attribute auf. Alle drei schauen wie gebannt auf das weite Meer hinaus, auf dem in der Ferne ein Schiff zu erkennen ist. Der Junge rechts hält eine Hand über die Augen, wohl um das Ziel seiner Wünsche deutlicher zu sehen.
Entstanden ist die Fotografie 2001 in Tanger, der Heimatstadt der Künstlerin. Auch von hier aus versuchen viele Fluchtwillige, über die Meerenge von Gibraltar nach Spanien zu gelangen. Von 1987 bis 2001 wurden gemäss einer Zählung der ‹Association des amis et famillies des victimes de l'immigration clandestine› (AFVIC) an den marokkanischen und spanischen Küstenstreifen der Strasse von Gibraltar insgesamt 3286 Tote gefunden. Schätzungen gehen davon aus, dass die effektive Zahl der Opfer etwa dreimal so hoch ist.
‹Belvedere I› ist Teil der Serie ‹A Life Full of Holes: The Strait Project›, das Barrada zwischen 1998 und 2004 realisierte. Es sind unspektakuläre Bilder des Alltags in der marokkanischen Grenzstadt; erst in der Gesamtsicht zeigt sich, wie sehr Verzweiflung und ein Gefühl der Ausweglosigkeit das Leben dieser Menschen prägt. Nur zwei Möglichkeiten scheinen ihnen offen zu stehen: ein deprimiertes Verharren - oder der riskante Fluchtversuch. Im vorliegenden Bild verdichtet sich eines der brennendsten Probleme unserer Zeit zu einer Essenz, die über die Tagesaktualität hinausgeht.
Edith Krebs, Kunsthistorikerin und freie Kulturjournalistin.


Bis: 17.02.2013



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Ausgabe 9  2012
Institutionen Fotomuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Edith Krebs Nduakasa
Künstler/in Yto Barrada
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