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Editorial
9.2012





  
Christian Marclay · The Clock, 2010, Einkanalvideo, Dauer: 24 Stunden, Courtesy White Cube. Foto: Ben Westoby


Sehen und Sichten sind nicht dasselbe. Sehen ist sinnlicher, Sichten analytischer. Sehen geht vom visuell Wahrnehmbaren aus, Sichten führt darüber hinaus, hat mit Kriterien und Fakten zu tun.
Die unterschiedlichen Bedeutungen wurzeln in der Herkunft der beiden Worte. Sehen stammt aus der Jägersprache, wird abgeleitet vom mittelalterlichen «sehan», mit den Augen verfolgen, dem lateinischen «sequi», verfolgen, und dem indogermanischen «seku», wittern, spüren. Sichten kommt aus der Seemannssprache, bezeichnete ursprünglich Spähen und Erkennen, abhängig von meteorologischen, astronomischen u.a. Gegebenheiten.
In der aktuellen Ausgabe geht es verschiedentlich ums Sichten: Das Sichten von Kunst im öffentlichen Raum - ein naturgemäss strittiges Thema. Das Sichten von Filmen quer durch die Filmgeschichte auf der Suche nach Uhren, die den abstrakten Zeitfluss messbar werden lassen. Und um das Sichten von Bildern, denen einzelne Autor/innen eine besondere Bedeutung zuschreiben.
Diesen persönlichen Bildbetrachtungen widmen wir unter dem Titel ‹Ansichten› eine neue Reihe. Die Anregung dazu lieferte der Zürcher Zeichenlehrer Mario Leimbacher, der uns erzählte, dass er das Kunstbulletin ab und zu im Unterricht benutzt, immer auf der Suche nach einem allgemein zugänglichen Bild, anhand dessen er relevante Zeitthemen diskutieren kann (S.99).
Seit Jahren wird über die wachsende Bedeutung von Bildern in der medialen Kommunikation diskutiert. Der vom Kunsthistoriker Gottfried Boehm geprägte Begriff «Iconic Turn» bezeichnet diese Wende vom Wort zum Bild. Dieser Wandel geschieht täglich und beinahe unmerklich. Grund genug, mit dieser Reihe einen besonderen Fokus auf das Lesen von Bildern zu richten. Claudia Jolles



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Ausgabe 9  2012
Autor/in Claudia Jolles
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