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Artists in Residence
9.2012


  Im Oktober 2011 ist Tyree Guyton für einen einjährigen Aufenthalt als Stipendiat der Stiftung Laurenz Haus nach Basel gekommen. Guyton ist der Begründer des ‹Heidelberg Project› in Detroit. In Basel hatte er Zeit, über sein Engagement während der vergangenen 25 Jahre für dieses ‹Street Art-Projekt› nachzudenken. Der Prozess dieses Innehaltens und Abstandnehmens manifestiert sich auf verschiedene Weise.


Tyree Guyton - Two Countries, two Cities, one Spirit


  
Tyree Guyton, Stipendiat der Stiftung Laurenz Haus, 2012. Foto: Cat Tuong Nguyen


Die hellen einladenden Räume im stattlichen Haus an der Eulerstrasse 25 in Basel bieten viel Ruhe und die Möglichkeit für Rückzug und Austausch gleichermassen. Hier wohnen die Stipendiaten der Stiftung Laurenz Haus, künstlerisch oder wissenschaftlich tätige Menschen aus allen Ländern, immer zwei gleichzeitig. Der Aufenthalt dient dem Vorantreiben und der Realisierung eines ihnen wichtigen Projekts, frei von materiellen Zwängen.
Tyree Guyton (*1955), der zur gleichen Zeit wie Danh Vo (*1975, Vietnam) im Laurenz Haus wohnt, arbeitet hier an seiner PhD, einem Teil des Ehrendoktortitels, der ihm 2009 vom College for Creative Studies in Detroit verliehen wurde. Es wäre jdeoch falsch, ein schriftstarkes Kompendium zu erwarten. Fotografien, Objekte und Installationen gehören mit zum wissenschaftlichen Apparat, mit dem er seine eigene Philosophie, die nun in Basel stark von Rudolf Steiner und Joseph Beuys mitgeprägt wurde, bereichert und ausmalt.
Die Ausdrucksformen sind vielfältig: Die Wände des Arbeitszimmers sind bedeckt mit farbigen Zeichnungen und Skizzen. Der Kreis, das Symbol für Geschlossenheit und Wiederholung, spielt auch in der Arbeit in den Gastatelierräumen an der Gärtnerstrasse 50 in Basel eine Rolle: Hier haben sich die bunten Kreise im ganzen Raum und am Fussboden ausgebreitet, so wie sie einst die Häuser an der Heidelberg Street in Detroit zu überwachsen begannen. Basel steht natürlich in krassem Kontrast zur berüchtigten «Motor City». Der Name steht für das Scheitern eines ganzen Industriezweigs, für Abwanderung, Ghettoisierung und Zerfall. Dort ist Guyton aufgewachsen: Als siebtes Kind einer alleinerziehenden Mutter unter zehn Geschwistern kannte er bittere Armut und Not. Es fehlte an allem. Dann entdeckte er, was inmitten des Nichtigen steckt, wenn man nur «sehenden Auges» hinschaut: Schönheit, Sinn und Trost, mitten im Abfall und dem Unrat, den er auf den Müllkippen einzusammeln begann. Zurückgelassenes aus den verfallenen Häusern, die in Detroit zu Tausenden herumstanden, nachdem in den Sechzigerjahren die heftigen Unruhen fast die ganze Stadt in Brand gesteckt hatten. Jahrzehnte danach standen die Häuser immer noch als Ruinen herum, niemand kümmerte sich um Wiederaufbau oder Abriss. Ein erstickender Stillstand.
Guyton begann, in seiner Strasse - der Heidelberg Street - die Häuser instand zu stellen, auf seine ganz eigene Art. Mit Farben, Ramsch und Trödel. Es gab Fassaden, die ganz mit Plüschtieren tapeziert waren, solche, die wie mit Smarties überzuckert aussahen, Bäume, in denen Hunderte von alten Schuhen baumelten. Und gemalte Gesichter: Auf den Wänden, auf dem Asphalt, überall. Ein Panoptikum der Farben, die sich auf den einstürzenden Bauten versammelten und diesen zu einem Neuanfang verhalfen.
Hoffnung auf Bewegung und Veränderung ging mit der Intervention von Guyton einher. Sehr schnell breitete sich der Farbenfluss in der ganzen Strasse aus und verströmte eine Wirkung, welche die Leute dazu bewegte, stehen zu bleiben und sich umzusehen, nachzufragen, zu reden und bald in einem Austausch verbunden zu sein, einer Anteilnahme und einem Interesse, das ausserhalb der Heidelberg Street nicht denkbar schien.
Eine bewegte Geschichte folgte: 1991 wurde auf Anlass des Bürgermeisters von Detroit, Coleman Junior, veranlasst, dass die farbig gestrichenen Häuser - ein Ärgernis für die Nachbarschaft und die Community - abgerissen wurden. Bulldozer fuhren auf, am Himmel kreisten Helikopter, unten wüteten die Abbruchbirnen. Nach wenigen Stunden lag alles in Schutt, niedergewalzt und in den Erdboden gestampft. Ein Schlachtfeld. Die Gegner des ‹Heidelberg Project> triumphierten - «Kunst gehört ins Museum eingesperrt» -, die Anhänger weinten. Aber Guyton machte weiter. Und 2012 gedeiht das ‹Heidelberg Project› mit stärkeren Strukturen als zuvor.
Und jetzt eine Zäsur: Die Einladung nach Basel holte Guyton weg aus seiner Strasse, die längst zum hochdifferenzierten Zentrum für Begegnung und Kunstproduktion geworden ist. Sie liess ihn ankern in einer Stadt wie einer Insel, die Erholung und Kreativität zugleich verspricht. Er nutzte die Zeit zum Atemholen, Sichten und Ordnen. Und zur Beobachtung: Hier hat er Einblick in einen Alltag, der trotz aller Verschiedenheit - dem vordergründigen Wohlstand, der materiellen Sicherheit und einer anderen Mentalität - die Menschen verbindet. Dieselben Dinge bewegen die Menschen überall auf der Erde.
Diese Einsicht prägt auch den Titel der kleinen Präsentation, die im Herbst in der Galerie von Tom Blaess in Bern zu sehen sein wird: ‹Two Countries - two Cities - one Spirit›. Tom Blaess ist ganz in der Nähe von Tyree Guyton, nahe bei Detroit aufgewachsen. Er ist später ausgewandert. In der Schweiz, weit weg von der Heimatstadt, verbindet die beiden wieder die Arbeit an einem gemeinsamen Projekt. Fast scheint es so, als hätten sie immer schon an derselben Strasse gewohnt.

Bis: 19.11.2012


Druckatelier/Galerie Tom Blaess, Bern, 21.10. bis 19.11.
www.tomblaess.ch

Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Übersetzungsförderung "Moving Words".
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Ausgabe 9  2012
Ausstellungen Tyree Guyton [21.10.12-18.11.12]
Institutionen Tom Blaess [Bern/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in Tyree Guyton
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