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Besprechung
9.2012


Alice Henkes :  An der Biennale Venedig 2011 war Uriel Orlow im Swiss Off-Site Pavilion zu sehen. Jüngst wurde er bei den Swiss Art Awards ausgezeichnet. Das CentrePasquArt in Biel zeigt Orlow, der in umfangreichen Recherchen Orte der Geschichte erkundet, in ­einer ersten institutionellen Soloschau.


Biel : Uriel Orlow, ‹Time is a Place›


  
Uriel Orlow · Yellow Limbo, 2010, HD Video, Ton, 14', Teil der Installation ‹The Short and the Long of it›


Über helle Fliesen gleitet das Kameraauge, über die glänzende, sacht sich kräuselnde Haut klaren Wassers, und während eine Männerstimme eine hebräische Totenklage singt, öffnet sich allmählich ein Raum mit schwer wiegender Geschichte. Als Synagoge in Posen erbaut, wurde das Gebäude 1942 von den Nationalsozialisten zum Schwimmbad umfunktioniert. Uriel Orlow (*1973) erkundet den Raum in einer langsamen Kamerafahrt vom Kachelboden bis zur Kuppeldecke. Nicht von ungefähr steht das Video ‹1942 (Poznan)›, 1996/2002, am Beginn der Ausstellung ‹Time is a Place›. Die Videoarbeit - eine von zwei älteren Arbeiten in der Ausstellung - verweist sowohl auf die Biografie des Zürcher Künstlers, der heute in London lebt und dessen Familie aus Polen stammt, wie auch auf sein Interesse an historischen Vorgängen und seine stille, sehr genaue Arbeitsweise.
In Videos, Fotos, Materialsammlungen erkundet Orlow Orte, die von den Strömungen der Geschichte geformt wurden. Vor allem die wenig bekannten Nebenschauplätze interessieren ihn. So widmet er einen ganzen Werkkomplex 14 internationalen Frachtschiffen, die acht Jahre lang im Bittersee festsassen. Ursache und überschattendes Hauptereignis war der Sechstagekrieg, der 1967 zwischen Israel und Ägypten ausbrach und zur Schliessung des Suezkanals führte. Einem Historiker gleich hat Orlow umfangreiche Recherchen angestellt, hat ehemalige Besatzungsmitglieder der Frachter ausfindig gemacht und interviewt. Er hat politische, kulturelle und sportliche Ereignisse aus den Jahren 1967 bis 1975 gesammelt und sich mit dem Austausch von Fischarten zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer beschäftigt. In ‹The Short and the Long of it›, 2011-2012, einem enormen Konvolut aus Videos, Fotos, Zeichnungen und Textdokumenten, präsentiert Orlow eine Art Universalgeschichte eines eng definierten Raumes.
Orlows Arbeiten zeugen nicht nur von einer detaillierten Auseinandersetzung mit seinem Thema, sie verlangen auch vom Publikum die Bereitschaft, sich intensiv mit dem Gezeigten zu beschäftigen. Mit seinen zeitaufwendigen Recherchen, die einen stark dokumentarischen Charakter haben, ist Orlow in der gegenwärtigen Kunstlandschaft nicht allein. Felicity Lunn, die neue Direktorin des CentrePasquArt, rückt somit mit ihrer ersten Ausstellung in Biel nicht nur einen jungen Künstler ins Scheinwerferlicht, sondern einen Trend in der jüngsten Kunst.

Bis: 26.08.2012



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Ausgabe 9  2012
Ausstellungen Kirsi Mikkola, Uriel Orlow [01.07.12-26.08.12]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Uriel Orlow
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