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Besprechung
9.2012


Sabine Elsa Müller :  Seit ihrer Gründung 1996 geht es der Manifesta um eine Verknüpfung der aktuellen künstlerischen Positionierung mit der kulturellen Topographie Europas. Die neunte Auflage der alle zwei Jahre stattfindenden Grossausstellung richtet den Blick nach Genk, dem einstigen Zentrum des belgischen Kohlereviers.


Genk : Manifesta 9, ‹The Deep of The Modern›


  
links: Jota Izquierdo · Capitalismo Amarillo: Special Economic Zone, 2011-2012, Multimedia Installation, Masse variabel, in Kollaboration mit Andres, Villalobos (Video und Audio-Recording)
rechts: Emre Hüner · A Little Larger than the Entire Universe, 2012, Installation mit Holz, Keramik, Stahl, Farbe, Schaumstoff, Digitalprint auf Holz, Lithographie auf Papier, Kreide auf Lithographie, Kalkstein, gefundene Materialien, Masse variabel


Das im Jugendstil errichtete Hauptgebäude der alten Zeche Waterschei als Austragungsort könnte geschichtsträchtiger kaum sein: Jeder Quadratzentimeter der vom Zahn der Zeit zersetzten Wände atmet den Geist vergangener Macht. Anstatt gegen die formale und kontextuelle Kraft der Industriearchitektur anzukämpfen, haben die Kurator/innen einen Dialog zwischen den Exponaten und dem einschlägig kontaminierten Ort in Gang gesetzt, der beiden Seiten - und ganz besonders den Besuchenden - zugutekommt. Der Mexikaner Cuauhtémoc Medina als Hauptkurator, die Britin Dawn Ades und die gebürtige Griechin Katerina Gregos präsentieren die zeitgenössische Kunst auf dem Unterbau ihrer kunst- und kulturhistorischen Wurzeln. ‹The Deep of the Modern› nennt sich diese Synthese, die dank der Intelligenz der einzelnen Statements und ihrer sensiblen Inszenierung geschickt den Spannungsbogen von regionalen Zeugnissen der Bergmannskultur über die Auseinandersetzung mit Kohle und Bergbau in der Kunst des 20. Jahrhunderts bis hin zu den aktuellen Beiträgen um den Themenkreis Arbeit und den Kampf um Ressourcen aufrecht erhält.
Es ist eine Zeitreise, bei der die Perspektiven ständig wechseln. Etwa von den historischen Berichten zur ‹Tragödie von Zwartberg›, einer Zeche, die 1966 erste Opfer des strukturellen Wandels zu beklagen hatte, zum faszinierend sinnlichen Auftritt der Kölner Modedesignerin Eva Gronbach, die Kleidung aus der abgelegten Arbeitskluft von Minenarbeitern schneidert. Beim Betreten einer vollklimatisierten ‹Ausstellungsbox› taucht man in eine Museumssimulation mit Werken ein, die von Henry Moores in den Stollen eingepferchten Minenarbeitern über Max Ernsts ‹Histoi­re Naturelle› bis zu den Fotografien der Minen von Genk von Bernd und Hilla Becher reichen. Etwas redundant wirken die überall auftauchenden Arbeiten mit Steinkohle von Marcel Broodthaers, Robert Smithson oder Richard Long. In der obersten Etage gehört die Installation von Oswald Maciá zu den stärksten Eindrücken. Der Sound der aneinanderschlagenden Industrie-Hämmer und der merkwürdige Geruch verwandeln den verwinkelten, schmalen Fördergang in eine archaische Höhle. Eine tiefe Melancholie durchweht diese Werke, die komplexe Prozesse in eindrucksvolle Bilder übertragen, wie im Beitrag des Spaniers Jota Izquierdo zur Wirtschaftsform der Stras­senverkäufer oder des türkischen Künstlers Emre Hüner, der einen Erinnerungsparcours unserer Zivilisation für zukünftige Generationen aufbaut.

Bis: 30.09.2012



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Ausgabe 9  2012
Autor/in Sabine Elsa Müller
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