Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
9.2012


Gabriel Flückiger :  Im Gebäude des Thun-Panoramas, dem ältesten erhaltenen Panorama der Welt, zeigt der Zeichner Ingo ‹GRRRR› Giezendanner ein knapp 2 Meter hohes und über 50 Meter langes Rundum-Bild. ‹rundherundherundherum› besticht aufgrund seiner räumlichen Umsetzung sowie der zeichnerischen Lebendigkeit.


Thun : Ingo Giezendanner, ‹rundherundherundherum›


  
Ingo Giezendanner/GRR 49 · rundherundherundherum, 2012, Ausstellungsansicht im Thun-Panorama. Foto: Dominique Uldry


Graffiti und Tags überziehen abbröckelnde Fassaden, Autos mit zersprungenen Scheiben stauen sich in den Gassen und auf Werbeflächen begegnen einem verheissungsvolle Blicke. Dazwischen wuchert Gestrüpp und Blätter bedecken die Sicht. Was uns Ingo ‹GRRRR› Giezendanner (*1975) im unteren Gebäudeteil des Thun-Panoramas zeigt, ist ein zeichnerisches Konvolut von Eindrücken des umtriebigen, lärmigen und dichten urbanen Alltags. Konkret ist es die Rundumsicht eines öffentlichen Platzes der nordafrikanischen Stadt Tunis, die der Zürcher Künstler in seinem Notizbuch einfing und in Thun als wandfüllende Schwarz-Weiss-Panorama-Installation wiedergibt. Auf eine Zickzackstruktur aufgezogen, ist ‹rundherundherundherum› aber balgartig aufgefächert und die Totale eines klassischen Panoramas bleibt verweigert.
«Ich habe die Rundumsicht bewusst zerschnitten, damit sich der Betrachter besser in den Details verlieren und kleine Geschichten entdecken kann», berichtet Giezendanner. So, wie er sich während Tagen am gleichen Ort langsam durchgezeichnet hat, offenbart sich nun der Gesamteindruck durch das allmähliche Ablaufen der Wand. Erst die Ansammlung des Partikulären ergibt eine Ahnung des Gesamten.
Es geht Giezendanner aber nicht primär um das Porträt der Stadt Tunis, vielmehr soll die physisch zerschnittene Zeichnung neu zusammengesetzt werden. Dazu integrierte er auf der Suche nach dem Allgemeinen in einzelnen Teilen Zeichnungen aus anderen Städten. So wird ‹rundherundherundherum› zu einem Sinnbild hybrider Erscheinungsformen der heutigen globalisierten Stadt.
Der Kontrast mit dem aus dem frühen 19. Jahrhundert stammenden Panorama der Stadt Thun von Marquard Wocher (1760-1830) ist nicht nur deswegen augenfällig. Wocher, als Kleinmeister ausgebildet und der biedermeierlichen Tradition verpflichtet, gibt auf seinem monumentalen Rundgemälde Leben und Architektur von Thun bis zu den bestickten Kleidungsstücken und den Dachziegeln naturgetreu wieder. Das ‹rundherundherundherum›-Panorama dagegen zerfällt oft in ein Wechselspiel mit dem Nicht-Dargestellten, dem rein Zeichnerischen. «Häufig finde ich meine Arbeit dort am spannendsten, wo sie nur noch Rhythmen von Linien, Punkten und Flächen ist», so GRRRR. Das Städtische wird hierbei zum Anlass für die eigentliche Freude am Strich.

Bis: 28.10.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2012
Ausstellungen Ingo Giezendanner [30.03.12-09.06.13]
Institutionen Thun-Panorama [Thun/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
Künstler/in Ingo Giezendanner
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120808150123CLA-12
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.