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Besprechung
9.2012


 Was für eine Konsistenz hat Wissen und wie lässt sich dieses weitergeben? Eignen sich Rezepte und Rituale, um Wissen zu konservieren? Zentrale Fragen, die Pascal Schwaighofer als Ausgangspunkt für seine Einzelausstellung ‹Sketches for a Sundial› im Dienstgebäude in Zürich nimmt.


Zürtich/Aarau/Genf : Pascal Schwaighofer, ‹Sketches for a Sundial›


  
Pascal Schwaighofer · Barre di materia duttile, 2012, Holz, Gips, Bolus, Gold 24 Kt, jedes ca. 100 x 3 x 1,5 cm. Foto: Simon Brazzola


Durch das Fenster dringt bläuliches Licht in den Ausstellungsraum. An den Scheiben haften in transparenten Archivmäppchen Diapositive, die seltsame Objekte vor einem neutralen blauen Hintergrund zeigen. Ohne kontextuellen Rahmen verleiht die serielle Aufnahme den Gegenständen den Eindruck von archäologischen Relikten, die zwecks wissenschaftlicher Normierung standardisiert wurden. Erst der Subtitel der Arbeit ‹Opoyaz› verrät die Materialität - ‹red, yellow und white clay›. Die im Ton sichtbare Struktur ist die aufgezeichnete Spur eines Geschehens, einer Handlung, über die im Nachhinein nur spekuliert werden kann. So einfach eine Bewegung in Ton festgehalten werden kann, so ephemer und vergänglich ist das Material. Physische und klimatische Veränderungen beeinflussen dessen Form und Beschaffenheit und manipulieren die suggerierte Präzision und Authentizität der Wiedergabe.
Der vermeintliche Verweischarakter findet sich auch in anderen Arbeiten von Pascal Schwaighofer (*1976, Locarno), denen stets das Prekäre und Vergängliche eigen ist. Sehr fein zeichnet sich die hexagonale Struktur des Stempels auf den tapezierten Papieren ab. Die geometrische Ordnung der Bienenwabe ist bezüglich der Platzökonomie das kongeniale Meisterstück der Natur zum Lagern und Aufbewahren. Der Stempel - ein rudimentäres Instrument der Vervielfältigung - reduziert Sinn und Zweck der Wabe auf die Form. Doch ist ihr Material ein schlechter Druckstock, da jeder Abzug den Stempel beschädigt. Jede Reproduktion ist anders, offenbart bei genauerer Betrachtung eine kontinuierliche Veränderung, welche die Abzüge als narrative Reihe erscheinen lässt. Die Idee der Ordnung bleibt trotz steter Wandlung bestehen und weist damit Parallelen zu Tradition und gesellschaftlichen Ritualen auf.
Einem tradierten Wissen bedient sich Schwaighofer in ‹Barre di materia duttile›. Eine Reihe von Holzleisten wurde nach einem mittelalterlichen Rezept vergoldet.
Die Lichtreflexion zeigt die individuelle Oberflächenbeschaffenheit mit einer feinen, eingravierten Spur, die den Objekten etwas Kostbares, Einzigartiges und Auratisches verleiht. Dies mag darauf hindeuten, dass eine Materialikonografie existiert, die aus der Verbindung Holz, Gips und Gold ein religiös konnotiertes Objekt definiert oder - wie es Schwaighofer formuliert - «Jeder Transformationsprozess birgt einen Verlust und gleichzeitig einen Gewinn von etwas Neuem».

Bis: 18.11.2012



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Ausgabe 9  2012
Ausstellungen Pascal Schwaighofer [07.09.12-06.10.12]
Institutionen Dienstgebäude [Zürich/Schweiz]
Institutionen Piano Nobile [Genève/Acacias/Schweiz]
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Künstler/in Pascal Schwaighofer
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