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Besprechung
9.2012


Dominique von Burg :  Die vor zehn Jahren geretteten Nachlässe des Zürcher Künstlerpaars Trudi Demut und Otto Müller werden in der Kunsthalle des Güterbahnhofs Zürich in vier Zyklen vorgestellt. Die Gegenüberstellung mit Werken von Künstlerkollegen der Künstlerkolonie Wuhrstrasse bietet jeweils wechselnde Fokussierungen.


Zürich : Trudi Demut und Otto Müller, ‹über Wolken und Köpfe hinaus›


  
Trudi Demut · Tische, Skulpturen, Gemälde / Otto Müller ·Köpfe, Reliefs. Fotos: Ralph Baenziger


Ein auf einem hohen Sockel thronender gigantischer Kopf beherrscht den Eingangsbereich und lenkt den Blick sogartig auf sich. Hat man sich an dieser ‹Wächterfigur› von Otto Müller vorbeigedrückt, locken streng frontale, in die Höhe schies-sende Gips- und Bronze-Figuren von Trudi Demut (1927-2000). Filigrane Zentauren, ein Hirschkopf und Hügelbäume treten auf hohen Stelen in Bezug zum Publikum. Konvexe und aufgestülpte Tische mit überlangen Beinen tragen menschlich-tierische Züge. Bilder von Wolken und Bergen in Grau, Weiss, Blau- und Erdtönen laden zur Kontemplation ein. Demuts Werke oszillieren zwischen konstruktiv-konkreten und symbolischen Formfindungen. Sie reflektieren das Innenleben der Künstlerin, die sich stets als Teil eines Bewusstseinsstroms empfand. So betonte sie das Fliessende, die Fragilität des Daseins und gestaltete die Plastiken bewusst fragmentarisch.
Im Gegensatz dazu geben sich die archaisch anmutenden Plastiken ihres Lebensbegleiters und ehemaligen Lehrers Otto Müller (1905-1993) standfest und streng. Der Künstler, der in der Region Zürich zahlreiche Skulpturen und Reliefs im öffentlichen Raum hinterlassen hat, wartet hier mit gewaltigen Köpfen, Tafeln und Findlingen auf. Lebenslang hat Müller mit der Form gerungen, ist den Weg einer immer radikaleren Reduktion gegangen. So führen die Bas-Reliefs mit einfachen figurativen Darstellungen - den Toten oder kleinen Kühen unter ovalem Himmelsgewölbe - zu den geometrischen Reliefs der Sechzigerjahre, die er «geistige, tröstliche Ordnungen» nennt. Das Wesentliche des Menschen komprimiert Müller in den Phänotypen; schlanken, gerade aufgerichteten Frauenfiguren, die oft mit erhobenen Armen dastehen.
Der Kosmos der beiden ist nicht ohne ihr damaliges Umfeld der legendären Künstlerkolonie Wuhrstrasse zu denken, deren Geist nun mit Werken von Friedrich Kuhn, Carlotta Stocker, Bert Schmidmeister, Hans Aeschbacher, Otto Teucher und anderen beschworen wird. So lässt die Ausstellung von musealer Dimension eine Epoche Revue passieren, in der sich eine ungebärdig-bunte Gegenkraft zur damals dominierenden abstrakt-konkreten Kunst formierte. Zu verdanken ist die einmalige und grossartige Wiedererweckung dem kunstpassionierten Ralph Baenziger, dem streitbaren Bahnhofüber- und -umbauer. Er hat den Nachlass Demut/Müller gerettet, 2002 die Stiftung mitbegründet und er erhofft sich heute Resonanz und Unterstützung, um die Werke in der Zukunft zu verankern.

Bis: 03.11.2012



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Ausgabe 9  2012
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Trudi Demut
Künstler/in Otto Müller
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