Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
9.2012


Alice Henkes :  Vorfreude ist die schönste Freude. Dieser so vertraut wie harmlos klingende Sinnspruch erhält einen seltsamen Beigeschmack, wenn das Duo Haus am Gern Galeriebesucher auf den Kreuzweg schickt, um die Bedeutung der Erwartung und des Ringens um Aufmerksamkeit in der Kunst zu reflektieren.


Bern : Haus am Gern, ‹Böse Town›


  
Haus am Gern · Böse Town (Fliege), 2012, Tusche auf Papier, 40 x 50 cm, Detail


Vorfreude und Erwartung können den Genuss an einer Sache oder einem Erlebnis steigern. Nicht nur die moderne Psychologie kennt das Phänomen. Im Christentum wird die Erwartung als Movens persönlichen Handelns ins Transzendentale gelenkt. Aber auch in der bildenden Kunst, die, nachdem sie sich aus dem Dienste der Religion befreit hat, selbst einen quasi-religiösen Charakter gewonnen hat, spielt das Moment der Erwartung eine entscheidende Rolle.
Das in Biel lebende Künstler-Duo Haus am Gern bestehend aus Barbara Meyer Cesta (*1959) und Rudolf Steiner (*1964) setzt sich in seinen Arbeiten immer wieder mit Wirkmechanismen der Kunst und des Kunstbetriebs auseinander. Für ihren ersten Auftritt in der Galerie Duflon Racz vor drei Jahren gestalteten sie eine Anti-Ausstellung mit kunstvoll verbretterten Fenstern, die dem Publikum ein Nicht-Ereignis suggerierten, das unter der Hand zum Ereignis wurde. In der neuen Ausstellung geht es um die Heilserwartungen der Kunstliebhaber an die Kunst und um die Inszenierung einer Ausstellung als ein heiss ersehntes Event. Zwei Räume der Galerie sind als Kunstparcours eingerichtet, eine Art Warteschleife oder auch Kreuzweg für Besucher, in dem sich der religiös aufgeladene Charakter der Kunst ebenso widerspiegelt wie die Mechanismen des Kunstmarktes, der die Erwartungen des Publikums mit allerlei Tricks anfacht. Die den Kreuzweg flankierenden Kunstwerke unterlaufen das erwartete Spektakel. Es sind verkleinerte Kopien klassizistischer Haustore, die an Türen in Erlebnisräumen denken lassen, welche hier nur als Idee präsent sind.
In einem weiteren Raum zwingen grosse weisse Blätter mit winzigen Zeichnungen das Publikum, nahe an sie heranzutreten und sich zum Motiv hinabzubeugen. Die Zeichnungen erinnern an Fliegen, die sich als schalkhafte kleine Noten auf vielen Werken der Kunstgeschichte finden und die als Symbole des Teufels, der Vergänglichkeit und wahnhafter Gedanken gelten. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass sich in den vermeintlichen Fliegenbildern Szenen des alttestamentarischen Bruderkampfes zwischen Kain und Abel verbergen. Ein uraltes Motiv wie es kaum passender sein könnte für eine zeitgenössische Ausstellung. Steckt hinter diesem mythischen Bruderzwist doch ein Kampf um Anerkennung, ein Ringen um Aufmerksamkeit. Ein Ringen wie es im übertragenen Sinn jeder, der heute an der Kunst beteiligt ist, sei es als Kunstschaffende, als Galerist, Kuratorin, Sammler, kennt.

Bis: 22.09.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2012
Ausstellungen Haus am Gern [17.08.12-22.09.12]
Institutionen DuflonRacz [Bern/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Haus am Gern
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120808150123CLA-9
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.