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9.2012




St. Gallen : Petrit Halilaj


von: Anna Francke

  
links: Petrit Halilaj · It is the first time dear, that you have a human shape, 2012. Foto: Gunnar Meier
rechts: Petrit Halilaj · Several birds fly away when they understand it, 2012. Foto: Gunnar Meier


«Den Menschen im Kosovo geht es besser als je zuvor, insbesondere den Albanern. Und obwohl es sich um langsame und fragile Entwicklungen handelt, ist eine neue Energie spürbar. Für Minderheiten ist es nach wie vor schwierig und optimistisch zu bleiben ist nicht immer einfach», beantwortet Petrit Halilaj (*1986) die Frage, wie es der Bevölkerung in seiner Heimat geht. Zwischen Berlin, Mantua und Kostërrc (Kosovo) pendelnd, kreist er in seinen Arbeiten um die eigene Biografie. Die Erinnerungen an die Flucht mit seiner Familie im Kosovokrieg (1998/1999), der Wiederaufbau und das Ringen mit dem Erlebten sind Antrieb seiner künstlerischen Praxis. So installierte er an der 6. Berlin Biennale 2010 ein monumentales Holzskelett des sich im Wiederaufbau befindenden Elternhauses, das - lediglich von Hühnern behaust - viel Aufmerksamkeit erhielt.
Petrit Halilaj bleibt seinem Fundus in seiner ersten Schweizer Einzelausstellung treu. Zwei Installationen gehen darauf zurück, dass seine Mutter Schmuck und Zeichnungen ihres Sohnes vor der Flucht im Garten vergrub. Ins Monumentale gesteigerte Reproduktionen von Ohrringen, einer Kette und Brosche aus Eisen werden in der Kunst Halle Sankt Gallen zu Behältnissen für zu Schotter oder Pulver verarbeitete Trümmer des zerstörten Heims. Oder aber die langen Tentakel einer insektoiden Eisenkonstruktion dienen als Display für Kinderzeichnungen von Papageien und Landschaften, während das Rückteil lediglich von einem Hügel sandiger Erde ausbalanciert wird. Schliesslich sind in der titelgebenden Installation Gebäudefragmente zu rudimentären Sitzgelegenheiten arrangiert, um Halilajs Videostreifzug durch die ländliche Umgebung seiner Kindheit zu folgen.
Die künstlerische Suche nach Verlorenem und Fragmenten der Erinnerung, die Rekonstruktion und Transformation der Ruinen von Halilajs Vergangenheit haben einen archäologischen Charakter. Dass dies in Nostalgie oder Pathos kippt, verhindert die Spannung zwischen vordergründiger Idylle, einfachen Werkstoffen und poetisch-kryptischen Titeln sowie zwischen aufgeladenen Relikten und Fantastik. Halilajs radikal persönlicher Ansatz, sein Ringen um Identität und Heimat sind zugleich bezeichnend für das Schicksal eines Volkes, das laut aktuellen Statistiken in der Schweiz eine der grössten Einwanderungsgruppen ausmacht, aber über dessen Geschichte wenig Wissen vorhanden ist.

Bis: 23.09.2012



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Ausgabe 9  2012
Ausstellungen Petrit Halilaj [21.07.12-23.09.12]
Institutionen Kunst Halle Sankt Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Anna Francke
Künstler/in Petrit Halilaj
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