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9.2012




Winterthur : Martin Soto Climent


  
links: Martin Soto Climent · The Equation of Desire, 2012
rechts: Martin Soto Climent · The Equation of Desire, 2012. Foto: Kunsthalle Winterthur


Jeden einzelnen Tag des Jahres bewegen wir uns in anderen temporären Gemeinschaften. Sei das im Tram, in einer Sitzung, bei einem Essen. Oder vielleicht nennt man das bald nur noch temporäre «Communities», wenn der Gemeinschaftsgedanke nur noch digital zu denken ist. Wenn nicht mehr Zwischenmenschliches in der Luft knistert, sondern das Wireless-Signal. Der Mexikaner Martin Soto Climent (*1977) hat für diese zeitlich begrenzten sozialen Verklumpungen jedenfalls ein überzeugendes Bild gefunden - beziehungsweise 366, für jeden Tag im Jahr. In der Kunsthalle Winterthur reihen sie sich, kleinformatig, über die Wände und den Boden des grossen Oberlichtsaals.
Soto Climent brachte für diese Fotografien für die Dauer, die es braucht, um abzudrücken, ganz Unterschiedliches zusammen. Er rollte einzelne Seiten von fotografischen Jahrbüchern so ein, dass plötzlich ein schwarzweisses Gesicht neben ein farbiges zu stehen kommt. Oder dass ein Billardspieler plötzlich auf die Kegel auf einer Kegelbahn zielt. Danach wurden die Seiten wieder sauber und spurenfrei in den Buchblock zurückgebracht - an die zeitlich begrenzte Gruppierung erinnern höchstens die unsichtbaren Fingerabdrücke des Künstlers. Genau wie im Tram höchstens unsichtbare DNA-Spuren Zeugnis von Begegnungen able-gen könnten.
Soto Climent verzichtet also auf das - vielleicht naheliegendere - Mittel der Collage. Wahrscheinlich, weil da nichts mehr rückgängig zu machen ist. Und es insofern nicht unserem von Natur aus begegnungsreichen Jahresablauf entspricht. Höchstens, wenn wir in einer zu festen Beziehung stecken. Wenn dann etwas auseinandergeht oder auseinandergehen muss, funktioniert das ja wirklich nur mit Reissen.
In einem Nebensaal der Kunsthalle findet Soto Climent gar noch ein weiteres überzeugendes Bild für eine temporäre Gemeinschaft: Hier hat er zwei antiquarische Schreibmaschinen mit einer Schnur verbunden. Für die Dauer der Aus-stellung halten sich die beiden quasi fest, nicht zufällig an den Buchstaben L, O, V und E. Auch die buchstäbliche Liebe zwischen den beiden Geräten wird wieder auseinandergehen, wenn die Schreibmaschinen wieder zurückgehen an die Winterthurer Trödelläden, in denen der Künstler sie entdeckt hat.

Bis: 02.09.2012



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Ausgabe 9  2012
Ausstellungen Martin Soto Climent [01.07.12-02.09.12]
Institutionen Kunsthalle Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Künstler/in Martin Soto Climent
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