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Fokus
10.2012


 Bereits in jungen Jahren begeisterte sich Wolfgang Tillmans für Fotografien in Nachrichtenmagazinen. Er sammelte die Bilder und verfremdete einzelne Vorlagen, um sie auf ihre Wirkung hin zu überprüfen. Nach dem Besuch einer Warhol-Ausstellung machte sich der Sechzehnjährige selbst ans Fotografieren. Seither ist die Kamera sein ständiger Begleiter. Dem heute in London und Berlin lebenden Künstler wurde anno 2000 als erstem Nichtbriten und Fotografen der renommierte Turner-Preis verliehen. Nun weiht Tillmans mit seinen sprechenden Zeitbildern die neuen Ausstellungsräume der Kunsthalle Zürich im umgebauten Löwenbräu-Areal ein.


Wolfgang Tillmans - Prüfsteine der Wahrnehmung


von: Oliver Zybok

  
links: Lighter, yellow / orange I, 2010, C-type Print mit Plexirahmen
rechts: Silver 92, 2012, Courtesy Maja Hoffmann/ LUMA Foundation


Die bis in die Neunzigerjahre ausufernd geführten Streitgespräche hinsichtlich des Mediums Fotografie verstummen zunehmend. Insbesondere die in den Sechzigerjahren geborenen Kunstschaffenden entwickelten neue Methoden und erschlossen sich ein erweitertes Feld von inhaltlichen Auseinandersetzungen und Bezugssystemen. Sie thematisierten vermehrt persönliche Lebens- und Arbeitsumstände oder auch gesellschaftliche und politische Fragestellungen. Ein Prüfstein moderner Ästhetik wurde dabei die Frage nach Authentizität. Als einer der wichtigsten Protagonisten hat Wolfgang Tillmans durch seine künstlerische Auseinandersetzung dazu beigetragen, das Medium Fotografie von dem allzu generalisierten und klischeehaften Vorwurf der reinen Nachahmung freizusprechen, indem seine Arbeiten selbst den Stand epigonaler Entfremdung thematisieren.
Tillmans Motivrepertoire ist vielfältig: von Supermodels und huschenden Mäusen in U-Bahn-Stationen bis hin zu Spielplätzen und Sternenhimmeln, von Neuinterpretationen des klassischen Stilllebens und fokussierten Landschaftsdarstellungen bis hin zu subkulturellen Szenerien und abstrakten Medienreflexionen. «Es gibt keine direkte Verbindung von alter Kunst zu meinen Bildern», merkt er mit Blick auf seine Motivauswahl an. «Es ist nicht so, dass ich in irgendeiner Weise zitathaft arbeite oder das als Teil meiner Strategie verwende. Zum Beispiel Früchte auf einer Fensterbank interessieren mich, weil sie dort eine Präsenz haben, die mich anrührt. Ich denke nicht: Oh, das ist Kunstgeschichte, sondern die Früchte berühren mich wirklich auf erster Ebene.» Die dezidierte Entscheidung für eine Fotografie fällt dabei nicht kurz nach der Ablichtung, sondern Wochen oder Monate später. Nach Ansicht des Künstlers müssen Bilder einen längeren Reifeprozess durchlaufen, um ihre Wirkung zu entfalten.
Eine seiner grundlegenden Fragestellungen ist denn auch die nach den immer schneller um sich greifenden Veränderungen. «Sowohl die grossen politischen und ökonomischen Verschiebungen der letzten Jahre als auch die technischen Neuentwicklungen haben das Aussehen der Welt ziemlich verändert.» Diese Tatsache bedarf für ihn einer steten Hinterfragung von Bildern.

Wann ist ein Bild ein Bild?
Tillmans gilt als ein Wegbereiter der Snapshot-Ästhetik, seine Motive vermitteln den Eindruck des flüchtigen Moments. Er macht keinen Unterschied zwischen spon-tan «gefundenen» und «gemachten», also bewusst inszenierten, Bildern. Über seine gegenständlichen Aufnahmen des Alltäglichen hinaus versucht er in der Studioarbeit seit zwei Jahrzehnten die zahlreichen Facetten der Fototechnik auszuloten, und dies vermehrt auch auf dem Feld der Abstraktion.
Zur Bearbeitung seiner Bilder bedient er sich vereinzelt ungewöhnlicher Techniken, wie chemischen Manipulationen von Bildoberflächen während der Entwicklung in der Dunkelkammer. Dabei interessiert ihn die ganz grundsätzliche Frage, wie Bedeutung auf einem Stück Papier entsteht, wann ein Bild überhaupt erst zu einem solchen wird - eine Auseinandersetzung, die besonders seine abstrakten, beinahe monochromen Bild-Serien, wie ‹Lighter›, seit 2006, ‹Freischwimmer›, seit 2003, oder ‹Silver›, seit 1998, prägt.
Zufällige Begebenheiten können vor allem hier als entscheidende Inspirationsquelle dienen. So wurde zum Beispiel die Arbeit an der Serie ‹Lighter› durch einen Papierstau im Drucker ausgelöst. In den darauf folgenden Jahren ist eine umfangreiche Werkgruppe aus zerknitterten, geknickten und präzise gefalteten Fotoausdrucken entstanden. Diese sind entweder monochrom oder in einfache Farbfelder gegliedert. Vor oder nach dem künstlerischen Eingriff wurden einzelne Arbeiten zusätzlich dem Licht ausgesetzt. Durch das Wechselverhältnis von perfekten und fehlerhaften Oberflächen entfalten die Aufnahmen einen dreidimensionalen Charakter.
Bilder sind nach Tillmans «immer die Umsetzung einer Welterfahrung und stellen im Idealfall die Frage nach einer anderen möglichen Welterfahrung». Der Kurator und Autor Bob Nickas sieht darin sogar eine politische Dimension: «In einer mediendominierten, von Werbung überfluteten Welt ist die Weigerung, ein unmittelbar erkennbares Bild anzubieten - sprich ein scheinbar sujetloses Bild -, eine politische Geste. Einfach gesagt: Abstraktion fordert die anerkannte Wirklichkeit heraus.» So betrachtet stellen die abstrakten Werke von Tillmans im stets variablen Feld des Kontextuellen und Diskursiven eine ästhetische Erweiterung seiner gegenständlichen Arbeiten dar. Er betrachtet sie als Teil eines grösseren Ganzen aller heute möglichen Bilder.
Den Blick auf einen grösseren Gesamtzusammenhang bestimmt auch die aktuelle Werkgruppe ‹Neue Welt›, bei der wieder vermehrt der Mensch in seiner direkten Umgebung steht. Dazu kommen Aufnahmen, welche die Aufmerksamkeit auf soziale und kulturelle Bereiche, Naturformationen, Technologie und Wissenschaft richten. Diese sind sowohl mit analogen als auch digitalen Kameras entstanden. Mit dem Projekt hat sich Tillmans nach Jahren der Studiopraxis und der damit verbundenen nachhaltigen Beschäftigung mit Abstraktion auf Reisen begeben. Bei der Wahl der Reiseziele ist er nicht systematisch vorgegangen, sondern eher spontan, nach Flugrouten, und er hielt sich nicht lange an den Orten auf. Meist genügte ihm ein kurzer intensiver Einblick in die jeweiligen lokalen Begebenheiten und kulturellen Eigenarten. «Bei einem solchen Kurzaufenthalt», so der Künstler, «zeigt sich vor allem die Oberfläche des Ortes. Die Oberflächen, auch die Oberflächlichkeit hat mich schon immer interessiert, weil wir die Wahrheit der Dinge im Grunde anhand der Oberflächen der Welt ablesen müssen.» So bereiste er kaum besiedelte Gebiete in Nordaustralien, an denen sich bereits Charles Darwin aufhielt, und populäre, als Postkartenmotive bekannte Orte, wie die Iguazú-Wasserfälle oder das Sydney Opera House.

Neue Welt
Dabei stellte Tillmans fest, dass sich die direkten persönlichen Eindrücke ganz anders darstellen, als dies die massenmedialen Fotovorlagen zu vermitteln versuchen. Dies legitimiert eine erneute Ablichtung, da sie die individuelle Betrachtungsweise widerspiegelt. In einzelnen Fotografien wird man mit einer übermässigen Wahrnehmungsdichte konfrontiert, die sich durch die neueste Digitaltechnik ergibt. Bei ‹Iguazú›, 2010, scheint jedes Gischtelement durch eine extrem hohe Auflösung erkennbar, Mikrostrukturen ergeben ein beeindruckendes Gesamtgefüge.
Die Arbeit ‹Market I›, 2012, zeigt Tillmans Interesse an sozialen Konstellationen, in denen sich Fragestellungen des sogenannten «authentischen» Lebens oder hin-sichtlich unserer kollektiven Projektionen manifestieren. Gleichzeitig scheinen derartige Situationen geografisch austauschbar. Die Szenerie hätte mit anderen Waren und anders gekleideten Menschen auch in London stattfinden können und bliebe als Marktgeschehen eindeutig erkennbar. Tillmans macht hier also etwas Allgemeines sichtbar, das aber trotzdem hochgradig ortsbezogen ist.
In der Werkgruppe ‹Neue Welt› nehmen darüber hinaus kosmologische und technologische Bildkonstellationen einen grösseren Raum ein. Für eine Reihe von Aufnahmen von Sternenkonstellationen und Nachthimmeln hat Tillmans den Sensor der Kamera derart hochempfindlich justiert, dass er in ein bis zwei Sekunden unendlich viele Sterne erfassen kann. Durch diese Einstellung entsteht jedoch gleichzeitig eine Art Rauschen, durch das die Bildpunkte in tatsächliche Sterne übergehen. Auch bei diesen Arbeiten geht es um die Frage der Wahrnehmbarkeit, «der Trennschärfe zwischen nichts und etwas», so Tillmans. «Ich glaube nach wie vor, dass man etwas Neues zeigen oder etwas Unaussprechbares in einem Bild sagen oder finden kann. Ich habe da Vertrauen ins Bild.»

Oliver Zybok, Kurator, Autor, Kultur- und Bildwissenschaftler, lebt in Hamburg und Zürich. zybok@web.de


Bis: 04.11.2012


Katalog Kunsthalle Zürich/Rencontres d'Arles, Köln 2012

Wolfgang Tillmans (*1968, Remscheid), lebt in London und Berlin
1990-1992 Studium am Bournemouth and Poole College of Art and Design
1995 Ars Viva Preis, Deutschland; Kunstpreis der Böttcherstrasse, Bremen
2000 Turner Prize, London
2003-2010 Lehrstuhl für interdisziplinäre Kunst, Städelschule Frankfurt am Main
2009 Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Fotografie

Einzelausstellung (Auswahl)
2006 ‹Freedom from the Known›, MoMA PS1, New York
2007 ‹Bali›, Kestnergesellschaft, Hannover
2008 ‹Lighter›, Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin
2010 Serpentine Gallery, London
2012 ‹Neue Welt›, Kunsthalle Zürich
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2007 ‹What Does The Jellyfish Want?›, Museum Ludwig, Köln
2008 ‹Life on Mars›: Carnegie International, Carnegie Museum of Art, Pittsburgh
2009 ‹Das Porträt›, Kunsthalle Wien
2010 ‹Lust und Laster›, Kunstmuseum Bern; ‹Not in Fashion›, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt/M
2011 ‹After the Gold Rush›, The Metropolitan Museum of Art, New York



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Ausgabe 10  2012
Ausstellungen Helen Marten, Wolfgang Tillmans [01.09.12-04.11.12]
Institutionen Kunsthalle Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Oliver Zybok
Künstler/in Wolfgang Tillmans
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