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Fokus
10.2012


 Ein Solo für zwei: In der grossen Übersichtsausstellung ‹La jeunesse est un art› im Aargauer Kunsthaus führt die in Basel lebende Künstlerin und Choreografin - die soeben mit dem ‹Performancepreis Schweiz› ausgezeichnet wurde - ‹A Piece Danced Alone› auf. Die Biografie einer Tänzerin wird darin zu einer Choreografie für zwei Performerinnen.


Alexandra Bachzetsis - Die Biografie in der Choreografie


von: Daniel Morgenthaler

  
links: A Piece Danced Alone, 2011. Foto: Melanie Hofmann
rechts: Etude, 2012. Foto: Melanie Hofmann


Morgenthaler: Alexandra, deine Arbeit ist Teil der Gruppenausstellung ‹La jeunesse est un art›, welche die Jugend schon im Titel trägt. Seline Baumgartner zeigt darin eine Videoarbeit, in der älter gewordene, ehemalige Tänzer und Tänzerinnen erneut auftreten. Ist der Jugendkult beim Tanz sogar noch ausgeprägter als in der Kunst allgemein?

Bachzetsis: In meiner Arbeit ‹A Piece Danced Alone› interpretieren meine Co-Performerin Anne Pajunen und ich gemeinsam und alternierend jeweils ein und dieselbe Rolle oder Partitur. Wir verkörpern zusammen eine Persona, die jenseits unseres wirklichen Alters existiert. Unser Altersunterschied, der in Wirklichkeit zehn Jahre beträgt, wird dabei auf wenige Jahre reduziert, um eben diesem professionalisierten Jugendwahn Nachdruck zu verleihen. Somit wird die eine ein paar Jahre älter und die andere ein paar Jahre jünger, bis sich unser gemeinsames Alter möglichst auf dieselbe Generation bezieht, die der Konvention entsprechend dem idealen Alter einer erfolgreichen Tänzerin entspricht.

Morgenthaler: Dann stimmen also die vorgetragenen Biografien im Stück nicht mit der Realität überein? Mir war das gar nicht aufgefallen, zumal du selbst tatsächlich über einen sehr beeindruckenden Lebenslauf verfügst.

Traumbiografien, Zitate, Spiegelungen

Bachzetsis: Man kann in diesem Zeitrahmen gar nicht mit allen im Stück genannten Tanz-Ikonen - Pina Bausch, Forsythe Company, The Wooster Group, Les Ballets C. de la B. und Heinz Spörrli - gearbeitet haben. Ausserdem macht es keinen Sinn, drei verschiedene Postgraduate-Studiengänge zu durchlaufen - auch wenn das natürlich toll wäre. Im Stück werden Anne Pajunens und meine Biografien gekreuzt und zur Traumbiografie einer Performance-Künstlerin ausgebaut. Es ist, als ob gute Referenzen wichtiger wären, als was man tatsächlich tut. Anderseits stehen die Namen der Tanz-Ikonen für bestimmte Ästhetiken und Praktiken, die wiederum in ‹A Piece Danced Alone› hineininterpretiert werden können.

Morgenthaler: ‹A Piece Danced Alone› ist also auch nicht primär ein Selbstporträt?

Bachzetsis: Nein, im Prinzip könnten auch eine andere Person oder andere Personen, dieses Stück aufführen. Solange die Biografien wieder adaptiert würden und die beiden Performerinnen physisch fast identisch wären, sich aber trotzdem klar voneinander unterscheiden liessen. Natürlich wäre der Effekt dann ein anderer, da die Präsenz jedes individuellen Menschen nicht einfach austauschbar ist. Aber in Realität ist man eben doch rasch ersetzbar - das ist das Faszinierende.

Morgenthaler: Wie muss man sich im Tanz Regieanweisungen vorstellen? Wie stellst du sicher, dass eine andere Person - in diesem Fall Anne Pajunen - die Rolle so ausfüllt, wie du es dir vorstellst?

Bachzetsis: Es ist in der Regel immer ein Dialog zwischen expliziten und impliziten Instruktionsebenen, bei denen es stark auf die Interpretation der Performer ankommt.
Grundsätzlich werden etwa achtzig Prozent der Aufgabe direkt durch das passende Typ-Casting gelöst, da die unmittelbare Präsenz von Personen die direkteste Antwort auf viele Fragen darstellt. Das eigentliche Handwerk aber findet auf einer fragilen Ebene von Austausch statt, von unterschiedlich codierten Bewegungsabläufen und Verhaltensmustern, die in verschiedenen Techniken und Trainingsformen verankert sind. Diese führen zu einem besseren Verständnis des bestimmten Bewegungsvokabulars zwischen den Performern und mir.

Morgenthaler: Du beschreibst deine spezifische Auswahl verschiedener Bewegungen also mit einer sprachlichen Metapher, als dein individuelles ‹Bewegungsvokabular›. So weit wie Paulina Olowska, die Tänzerinnen und Tänzer Buchstaben nachtanzen lässt, gehst du aber nicht...

Bachzetsis: Das ist ein sehr explizites Beispiel. In meiner Arbeit tritt die Sprache vielmehr als Akt auf: Als Vortrag, als Lied oder direkt als Begrüssung, was schon in sich eine performative Geste ist. Oder in Form von Zitaten von verschiedenen Genres der Kunst und Populärkultur. Auf einer abstrakteren Ebene gibt es aber durchaus Analogien zwischen Sprache und Tanz. Beim klassischen Ballett spricht man etwa von einzelnen Positionen und Elementen, in einer speziellen Ausrichtung im Raum, die dann zu ‹Phrasen› beziehungsweise ‹Sätzen› zusammengesetzt werden.
In ‹A Piece Danced Alone› behandle ich auch eine Art Grundvokabular des Tanzes. Es enthält Übungen, die jede Tänzerin und jeder Tänzer regelmässig macht, sowie das Stilmittel der exakten Repetition oder der Akkumulation: Ein Ablauf von Bewegungen, der immer wiederholt wird und zu dem immer wieder eine Bewegung dazukommt.

Morgenthaler: Wie beim Spiel mit dem Rucksack, in den immer ein Element mehr eingepackt wird, das man dann mit aufzählen muss?

Bachzetsis: Richtig. Daneben bringen wir in ‹A Piece Danced Alone› auch viele Zitate. Etwa ganz bestimmte Bewegungsabläufe von Marylin Monroe und Jane Russell aus dem Film ‹Gentlemen Prefer Blondes›. Auch das Stilmittel der Spiegelung oder Dopplung, das im Stück wichtig ist, hat im Tanz und im Showbusiness eine lange Tradition.

Morgenthaler: Spiegelung oder Wiederholung spielen etwa auch in ‹Rehearsal (Ongoing)› eine wichtige Rolle...

Bachzetsis: Sie sind ein Grundelement meiner Arbeit. In der Videoarbeit ‹Rehearsal (Ongoing)› wiederhole ich Alltagshandlungen, die sich mit der Irreversibilität der einzelnen Aktionen und der unveränderbaren Masse der Objekte befassen. Es ist eine Choreografie für zwei Hände, bei der man das Gesicht der Performerin nicht sieht. Die Arbeit wird auf zwei Bildschirmen gezeigt. Mich interessiert der Aspekt der Unheimlichkeit, der durch die neurotische Wiederholung von identischen Bewegungsabläufen oder eben durch die Verdoppelung einer Person durch zwei Performer ausgelöst wird.

Morgenthaler: Was ja auch eine sehr theatralische Qualität ist. Wie ist es dazu gekommen, dass du deine Arbeiten vornehmlich im Kunstkontext aufführst und nicht im Theater?

Virtuosität

Bachzetsis: Das ist nicht unbedingt so. Ich trete ja durchaus regelmässig im Theater auf. Und ich produziere meine sämtlichen Arbeiten durch und mit dem Theaterapparat. Allerdings bin ich seit jeher besser in Kunstkreisen vernetzt als in der Theaterwelt. Was auch zu mehr Aufmerksamkeit aus dem Kunstbetrieb geführt hat.

Morgenthaler: Wie Tino Sehgal hast du eine Arbeit an der dOCUMENTA (13) in Kassel gezeigt. Ich finde es interessant, dass eine performative Arbeit wie diejenige von Sehgal bei der Eröffnung derart viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Siehst du Überschneidungen zu deiner Praxis?

Bachzetsis: Ich denke, in beiden Arbeiten ist der nachhaltende Austausch mit dem Publikum ein zentraler Punkt, nur findet er auf ganz unterschiedlichen Ebenen der Kommunikation statt. Wir arbeiten beide mit Tänzern und Performern - die Ausgangslage ist demzufolge ähnlich. Aber wir behandeln je einen komplett anderen Aspekt der Performativität. Ich zeige in Kassel mit ‹Etude› eine Arbeit, welche die Individualität der Performer und ihre unmittelbare Präsenz ins Zentrum rückt, als Weiterentwicklung von ‹A Piece Danced Alone›. Mich interessiert dabei die Frage der Relevanz von Virtuosität heute, und von deren Erscheinungsformen.

Morgenthaler: Sicherlich war auch hier das Casting von enormer Wichtigkeit?

Bachzetsis: Ich arbeite in diesem Fall mit Performern und Performerinnen zusammen, die über spezifische Qualitäten in Bezug auf unterschiedliche Ausdrucksformen verfügen. Einerseits kann das eine professionelle Tänzerin sein, die jahrelang Ballett trainiert hat, aber genauso gut das Vokabular eines zeitgenössischen Tanzphänomens interpretieren und zitieren kann. Andererseits ein visueller Künstler, der gleichzeitig auch Schlagzeuger ist und semi-professionell Basketball spielt. Mich interessiert dabei die angeborene Virtuosität als Potenzial, das sich nach innen richtet und die Identität einer Person ausmacht.

Daniel Morgenthaler, freischaffender Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmhaus Zürich, lebt in Zürich. dani_moergi@hotmail.com

Bis: 27.10.2012


‹A Piece Danced Alone›, Aufführung im Rahmen von: ‹La jeunesse est un art. Jubiläum Manor Kunstpreis, 2012›, Aargauer Kunsthaus, 29.9.; ‹Tag der offenen Tür›, Kunsthaus Zürich, 27.10.; Tanzplattform Tsekh Moskau, 13./14.10.

Alexandra Bachzetsis (*1974, Zürich) Künstlerin, Performerin und Choreografin
Ausbildung: Zürcher Kunstgymnasium; Dimitrischule in Verscio; Performance Education Program
im STUK arts centre in Leuven; Das Arts, Theatre and Dance Studies Centre in Amsterdam
Kollaborationen u.a. mit Sasha Waltz & Guests in Berlin und Les Ballets C. de la B. in Gent
Seit 2001 unabhängige Projekte, lebt in Zürich und Basel
2010 Preis Kanton Basel-Land
2011 Swiss Art Award
2012 Swiss Performance Award

Einzelausstellungen
2011 ‹A Piece Danced Alone›, Chisenhale Gallery, London
2011 ‹L'Escorte/The Escort›, CAC Brétigny, Paris
2010 ‹Play›, Kunsthaus Glarus, Glarus
2008 ‹Show›, Kunsthalle Basel, Basel
2006 ‹Show Dance›, De Appel, Amsterdam



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Ausgabe 10  2012
Ausstellungen La jeunesse est un art. Jubiläum Manor Kunstpreis 2012 [01.09.12-18.11.12]
Video Video
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Alexandra Bachzetsis
Link http://www.tsekh.ru
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