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Fokus
10.2012


 Die diesjährigen Kulturhauptstädte Europas sind Guimarães und Maribor. Die Schweiz ist nicht EU-Mitglied und konnte bisher keine Stadt nominieren. Nun eigneten sich Kulturschaffende das Label an und wählten zum zweiten Mal eine Kulturhauptstadt der Schweiz: die Thurgauer Gemeinde Pfyn. Das Projekt wird vom Duo Meszmer/Müller geleitet.


Pfyn - Die selbsternannte Kulturhauptstadt der Schweiz


von: Lucia Angela Cavegn

  
Schwingfest im Amphitheater von Werner Keller, Pfyn, 2012


Cavegn: Pfyn beansprucht für die Jahre 2011 und 2012 die Kulturhauptstadt der Schweiz zu sein. Wie kommt Pfyn zu diesen Ehren?

Meszmer/Müller: In Absprache mit dem ehemaligen Kulturminister der Schweiz, dem Schriftsteller Dominik Riedo, holten wir das Label Kulturhauptstadt der Schweiz nach Pfyn. Im März gab es in der Trotte Pfyn den feierlichen Auftakt mit Reden der Regierungsrätin Monika Knill und Frau Gemeindeammann Jacqueline Müller.

Cavegn: Wird das Label auch von offizieller Seite unterstützt?

Meszmer/Müller: Die Anregung stammt von künstlerischer Seite, wird aber offiziell vom Gemeinderat, dem Kanton Thurgau sowie Sponsoren mitgetragen. Die Kulturhauptstadt ist im Legislaturprogramm für die Jahre 2011 bis 2015 als Massnahme zur Kulturförderung definiert und die Dorfbewohner sind demokratisch beteiligt. Beim Workshop zur Gemeindeentwicklung ‹Pfyn 2020› hat sich die Bevölkerung für die Förderung von Kultur und Geschichte als Standortfaktoren ausgesprochen.

Cavegn: Das Label Kulturhauptstadt suggeriert einen urbanen Raum. Nach Romoos wurde mit Pfyn wieder eine ländliche Gemeinde ausgewählt. Ist dies Absicht?

Meszmer/Müller: Dominik Riedo hat mit seiner provokativen Idee, Romoos als Kulturhauptstadt zu erklären, zum einen darauf hingewiesen, dass die Schweiz bis anhin keine europäische Kulturhauptstadt stellen konnte, zum anderen, dass Kultur nicht nur in der Stadt zu finden ist, sondern auch auf dem Land. Die Gemeinde Pfyn ist insofern ein Sonderfall, da sie auf eine fast 6'000 Jahre alte Geschichte zurückblicken kann - von den Pfahlbauern bis heute. Aus allen Epochen liegen Fundstücke vor. Mit Überresten des römischen Kastells, der Kirche St. Bartholomäus, eine der ältesten Kirchen im Thurgau, und der Trotte, dem ehemaligen Ökonomiegebäude des Schlosses sowie einer mittelalterlichen Häuserzeile weist Pfyn markante Bauzeugen auf.

Cavegn: Beschränkt sich das kulturelle Angebot von Pfyn auf seine bedeutungsvolle Geschichte oder wird hier auch aktiv Kultur gelebt?

Meszmer/Müller: Es gibt in Pfyn (rund 2'000 Einwohner) 44 aktive Vereine. Der Feuerwehrverein ist überregional bekannt für seinen Legionärsmarsch. Daneben organisiert das Kulturforum regelmässig Kleinkunst-Veranstaltungen in der Trotte. Hier ist auch das Transitorische Museum zu Pfyn untergebracht, wo Fundstücke aus der Pfahlbauer- und Römerzeit ausgestellt sind.

Cavegn: Was muss man sich darunter vorstellen?

Meszmer/Müller: Das Transitorische Museum besteht aus drei Rollcontainern, die mit Schubladen und Vitrinenaufsatz ausgestattet sind. Wir arbeiten seit 2006 an zwei Projekten, dem zeitgarten.ch und dem Transitorischen Museum zu Pfyn. Das Projekt zeitgarten.ch ist eine Kommunikations- und Sammelstelle und funktioniert als digitales Archiv der Gemeinde Pfyn. Das Transitorische Museum hingegen ist die lebendige, sich dauernd verändernde Repräsentationsform des digitalen Archivs, das sich mit grundlegenden Fragen zu lokaler Identität auseinandersetzt.
Bei beiden Projekten spielt die Bevölkerung eine wichtige Rolle. Das historische Gedächtnis zeitgarten.ch ist auf deren Beiträge angewiesen. Das Transitorische Museum ist seit 2008 Mitglied des Verbands der Museen der Schweiz VMS und kann auch an anderen Orten auftreten. Ausserdem gibt es den Stationenweg, der an zehn historische Stellen der Ortschaft führt. Neben Informationstafeln und Flyern steht den Interessierten eine Datenbank zur Verfügung, die per Handy abrufbar ist.

Künstlerisches Engagement vor Ort und für den Ort

Cavegn: Wie kommt ihr dazu, euch so intensiv mit dem Ort auseinanderzusetzen?
Meszmer/Müller: Wir sind vor sieben Jahren nach Pfyn gezogen, ins Städtli. Die römische Mauer zieht sich durch unser Haus. Man fragt sich, wie die Mauer im Nachbarshaus aussieht und wer dort wohnt. Wir haben mit den Leuten Kontakt aufgenommen und sie gebeten, uns zu erzählen, was sie über Pfyn wissen. Wir begannen zu forschen und mit Institutionen wie dem Amt für Archäologie des Kantons Thurgau, dem Staatsarchiv Thurgau, der Gemeinde und der Primarschule Pfyn zusammenzuarbeiten. Dies ermöglicht uns eine differenzierte Reflexion von Geschichts- und Gesellschaftsprozessen, die wir dokumentieren und ausserhalb von Pfyn vorstellen.

Cavegn: Wie ist euer Engagement einzuordnen? Seid ihr nun Geschichtsforscher geworden oder versteht ihr euer Engagement als künstlerische Initiative?

Meszmer/Müller: Die Geschichte ist nur eines unserer Themen. 2005/6 befassten wir uns mit der Unübersichtlichkeit der Glaubenswelten. Das Projekt lief unter dem Titel ‹Geografie des Unerklärlichen› und wurde 2006 im Projektraum exex St. Gallen und in der Sammlung Essl vorgestellt. Unser Ziel ist, dass Menschen bei unseren Projekten mit Ideen partizipieren können. Das Kernstück der Aktion Kulturhauptstadt der Schweiz sind die ‹Demokratischen Kunstwochen›. Wir haben zehn internationale Künstlerinnen und Künstler im Rahmen eines artists in residence-Programms eingeladen, mit Vereinen, Institutionen und Bewohnern Themen zu erarbeiten und nachhaltige Projekte zu entwickeln. Dabei geht es darum, Kultur aktiv mitzugestalten und neue Sichtweisen zu eröffnen. Ende April veranstalteten wir eine Tagung mit dem Titel ‹Demokratische Kunst?›. Meris Schüpbach stellte in diesem Rahmen ihr Projekt ‹kidswest/kidsost› vor. Markus Landert, Kurator, und Andi Gross, Nationalrat, erörterten das Verhältnis von Demokratie und Kunst. Abschliessend führten die beiden Historiker Stefan Keller und Beat Näf ein Gespräch zum Thema ‹forming history?›.

Cavegn: Demokratische Kunst? Was darf man darunter verstehen?

Meszmer/Müller: Wir haben eine Definition entworfen: Demokratische Kunst nutzt den öffentlichen Raum und geht auf gesellschaftliche Bereiche ausserhalb des Kunstsystems ein. Sie respektiert demokratische Gegebenheiten, nützt Formen des zivilen Ungehorsams für den demokratischen Prozess und bezieht bewusst Menschen aus dem Nicht-Kunstbereich in künstlerische Prozesse mit ein. Sie ist also partizipativ, aber nicht in einem Beuys'schen Sinn. In einer Demokratie sind Künstler die Experten für Kunst - genauso wie ein Arzt oder Automechaniker Experte auf seinem Gebiet ist.

Cavegn: Und worin unterscheidet sich diese Kunst von der Sozialen Plastik?

Meszmer/Müller: Demokratische Künstler nehmen aktiv an der Demokratie teil und verstehen sich als Katalysatoren zwischen Kunst und Gesellschaft. Demokratische Kunst hat weder Besitzer noch Eigentümer. Ihren Wert bestimmt die Öffentlichkeit.

Cavegn: Könnt ihr mir ein Bespiel geben?

Meszmer/Müller: Ein schönes Beispiel dafür, wie Kunstschaffende demokratische Prozesse anwenden, ist MEMOpfyn. Die ägyptische Künstlerin Fatma Hendawy Yehia hat zusammen mit der evangelischen Kirchgemeinde Pfyn einen Workshop durchgeführt, um eine Bibliothek als Gedächtnis des Dorfes aufzubauen. Dort sollen lokale Dokumente, Bücher, Objekte, Fotos und Anekdoten Eingang finden.

Bisherige Resonanz

Cavegn: Wie lauten die bisherigen Highlights?

Meszmer/Müller: Ein wichtiger Meilenstein war die Prämierung des Siegerprojektes von Werner Keller für das ‹Amphitheater Pfyn› 2012. Der symbolische Holzbau wurde im Frühling in Fronarbeit als Lehrlingsprojekt mit ProHolz Thurgau errichtet und dient nun als Plattform für verschiedene Veranstaltungen wie das Schwingerfest und das Open-Air-Kino. Ein weiterer besonderer Höhepunkt war das Dorffest ‹Expo ad fines› mit Marktständen, Legionärslager, Ausstellungen und Konzerten Anfang Juli. Resonanz findet die Kulturhauptstadt auch ausserhalb des Kantons, beispielsweise mit einem Auftritt an der dOCUMENTA 13 in Kassel.

Cavegn: Was bringt die Kulturhauptstadt - von Anlässen abgesehen - dem Dorf?

Meszmer/Müller: Die Wirkung besteht in der Stärkung eines gemeinschaftlichen Gefühls, der Identität des Ortes und der positiven Spiegelung von Pfyn in den Medien. Ausserdem werden wir als Künstler als Teil der Dorfgemeinschaft wahrgenommen.

Lucia Angela Cavegn, Winterthur, freischaffende Kunsthistorikerin und Kuratorin, cavegn@kunstweise.ch


Bis: 18.11.2012


We will survive - Party zum Abschluss der Kulturhauptstadt, Trotte Pfyn, 31.12.; ‹Demokratische Kunstwochen›, Ausstellung verschiedene Orte, bis 31.12.



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Ausgabe 10  2012
Autor/in Lucia Angela Cavegn
Künstler/in Reto Müller
Künstler/in Alex Meszmer
Link http://www.kulturhauptstadtderschweiz.ch
Link http://www.zeitgarten.ch
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1209140930563VW-3
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