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Fokus
10.2012


 MacGhillie steht auf einer Rolltreppe - scheinbar in sich versunken. Die Menschen im Bild nehmen die Kunstfigur nicht wahr oder wenden sich gar von ihr ab. Wer ist dieses seltsame Wesen, das sich so befremdlich und zugleich selbstverständlich in unseren Alltag einschleust?


Ansichten - MacGhillie oder wie das Internet die Kunst verändert


von: Philipp Meier

  
MacGhillie am Flughafen, 2008


Das Bild mit MacGhillie wählte ich aus unzähligen Bildern aus, die bei einer Recherchearbeit der Künstlergruppe knowbotic research entstanden. Auf meine Einladung hin (Carte Blanche) hatten Alexander Tuchacek, Yvonne Wilhelm und Christian Hübler MacGhillie entwickelt. In der Frühphase des Projektes steckten sie Schauspieler in den zottigen Tarnanzug, im Fachjargon ‹Ghillie Suit› genannt, und schickten sie ohne irgendwelche Anweisungen in die Stadt. Dabei dokumentierten sie, was mit MacGhillie, respektive mit der Stadt, geschah.
Die eigentliche Sprengkraft der Figur erschloss sich mir jedoch erst in einer zweiten Phase. Für die kuratierte Stadtführungsreihe ‹kunstpassanten› (Irene Grillo und Maren Brauner für das Fabriktheater) erweiterte knowbotic research die Figur dahingehend, dass nun jede und jeder in den Anzug schlüpfen und damit die Stadt aufsuchen konnte. Diesen Move fand ich sensationell! Mich begeisterte, wie dadurch alles durcheinanderwirbelte. Die Rezipientinnen und Rezipienten werden zu Produzentinnen und Produzenten, der öffentliche Raum zur Bühne. MacGhillie fällt zwar als Subjekt auf, verschluckt jedoch jegliche individuellen Erkennungsmerkmale, bis hin zum Geschlecht.
Bereits im Kunststudium an der F+F Kunst- und Medienschule lernte ich die Kunstgeschichte des vergangenen Jahrhunderts als Anleitung dafür lesen, wie jede und jeder zu einem Kunstwerk werden kann; respektive alle Künstlerin oder Künstler sein können. Und weil im Internet unabwendbar die Unterscheidung zwischen Produktion und Rezeption schwindet, entsteht ein neues Selbstverständnis, schlüpfen alle in die unterschiedlichsten Rollen - auch anonym. Hier können alle gestalten, ohne dass jemand danach fragt, ob Künstlerinnen oder Künstler am Werk sind. Wo Beuys sich noch selbst einen Filzumhang überwarf, bietet MacGhillie allen an, sich einen (Tarn)Anzug überzuziehen. Es versteht sich von selbst, dass die Künstlergruppe und ich als Kurator in diesem Setting gänzlich die Kontrolle verloren. Wir mussten aushalten, dass die Akteure MacGhillie manchmal ganz anders «spielten», als die ursprüngliche Intention war («...den Wänden entlang schleichend...»). Inzwischen ist aus ihr zum Teil ein richtig wildes Biest geworden.

Philipp Meier ist Landschaftsgärtner, Clubkurator, Co-Direktor des Cabaret Voltaire (bis Ende September 2012) und Vizepräsident der Party Partei. philipp.meier@cabaretvoltaire.ch



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Ausgabe 10  2012
Autor/in Philipp Meier
Link http://macghillie.posterous.com
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