Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
10.2012


 Das Kunsthaus Glarus ist trotz guter Positionierung finanziell unterdotiert. Der Künstler San Keller und die Kuratorin Sabine Rusterholz Petko (Kunsthaus Glarus) unterhalten sich über die eigenen Rollen im Kunstbetrieb und die Möglichkeit radikaler Auswege in Krisenzeiten.


Förderpolitik - Kleiner Leuchtturm


von: San Keller
von: Sabine Rusterholz Petko

  
Sabine Rusterholz, Direktorin des Kunsthauses Glarus, 2012


Keller: möchtest du mit mir die rolle, den beruf tauschen und wenn nicht mit mir, mit welcher anderen künstlerin oder welchem künstler? und warum?

Rusterholz: Ich bin keine verhinderte Künstlerin. Meine Arbeit ist ebenso vielseitig und autonom wie die eines Künstlers. Ich schätze die stete Herausforderung durch neue Konzepte und mag die Zusammenarbeit mit immer neuen Künstlern und Künstlerinnen. Ich arbeite gerne an der Umsetzung von teils unmöglich erscheinenden Ideen. Zum Künstlerdasein würde mir vermutlich die nötige Originalität fehlen. Ich bin wohl eher eine Art Trüffelschwein mit einer Nase für künstlerische Spezialitäten.

Keller: die kuratoren können zwar immer wieder mit neuen künstlern aus aller welt zusammenarbeiten, doch sie müssen auch mit einem stammpublikum vor ort freundschaftlich vermittelnd zurechtkommen. wie kommst du damit zurecht? ich bewundere die kuratoren für diesen ständigen spagat.

Rusterholz: Die Erwartungen sind tatsächlich sehr unterschiedlich. Allen gerecht werden kann man nie, und das erzeugt Spannungen. Nationale und internationale Positionen zu zeigen, bringt finanzielle Unterstützung und Renommee. Regional ausgerichtete Ausstellungen bringen vor allem Goodwill vor Ort. Es ist eine Stärke des Kunsthauses Glarus, dass gerade in diesem Spannungsfeld Experimente möglich sind. In Zeiten wirtschaftlicher Krise werden Unterstützungsbeiträge jedoch spürbar knapper. Das resultiert manchmal in schlaflosen Nächten. Gleichzeitig stehen in den nächsten Jahren wichtige politische Entscheide an, für die wir die Bevölkerung gewinnen müssen. Da entsteht gerne einmal ein Dilemma zwischen dem Anspruch auf Publikumswirksamkeit und der künstlerischen Radikalität und Qualität.

Keller: müsste man mit dieser radikalität nicht auch die institution in frage stellen? wäre es bei der anstehenden sanierung auch denkbar, das architektonisch wertvolle gebäude ganz abzubauen und an einem anderen standort aufzubauen?

Rusterholz: Solche Denkexperimente, welche die Rolle der Institution reflektieren, sind interessant. Durch die Kulturinfarkt-Diskussion und die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation haben solche Gedankenspiele jedoch auch einen negativen Beigeschmack. Sie erinnern allzu leicht an populistische Appelle zur Wegrationalisierung kleiner Kulturstandorte zu Gunsten grösserer städtischer Leuchttürme. Das Kunsthaus Glarus wurde dabei auch schon als eines der Häuser genannt, die geschlossen werden könnten. Eine Umverteilung von Kulturmitteln in die städtischen Zentren führt dort aber nicht automatisch zu besserer Qualität. Unser gesamtes Betriebsbudget entspricht vermutlich etwa der Portokasse des Opernhauses Zürich. Vielleicht würde man dort nicht einmal bemerken, wenn wir das Kunsthaus in Glarus tatsächlich abbauen und auf ihrem Parkplatz wieder aufbauen würden. Das Haus steht deshalb meiner Meinung nach genau am richtigen Ort.
Die sogenannte Provinz will heute mehr sein als Jodlerverein und Heimatwerk. Hinter dem Kunsthaus Glarus stehen ein Kunstverein, die Gemeinden und der Kanton, der uns mit Lotteriegeldern unterstützt. Trotz beschränkter Mittel sind wir ein nicht wegzudenkender Bestandteil des kulturellen Lebens. Und auch auswärtige Besucher schätzen, dass es in Glarus mehr zu sehen gibt als die imposante Bergwelt. Für die Künstlerinnen und Künstler bieten wir ein interessantes Experimentierfeld ausserhalb der grossen Zentren. Insofern lassen wir unseren kleinen Leuchtturm lieber in Glarus. Zum Schluss eine Gegenfrage: Würdest du denn gerne deinen Beruf mit meinem tauschen?

Keller: deine sprache ist politisch gerüstet, dein denken jedoch nicht radikal. dies kann es auch schwerlich sein im rahmen deiner anstellung, weshalb ich unter anderem nicht mit dir tauschen möchte. andrerseits sagte ich noch nie nein zu einer neuen herausforderung. mir gefällt der gedanke, mich als künstler abzuschaffen und direktor zu werden.

Rusterholz: Freut mich, dass ich dich für meinen Beruf begeistern konnte!


Kunsthaus Glarus 1870 Gründung des Glarner Kunstvereins; seit 1952 Domizil im Kunsthaus Glarus, moderner Pavillon- Bau von Hans Leuzinger im Volksgarten. Direktorin: Sabine Rusterholz Petko (seit 2008) Vier Ausstellungen jährlich, teils mit parallelen Präsentationen Finanzierung: CHF 240'000 durch Gemeinden und den Lotteriefonds des Kantons Glarus Betriebsaufwand: ca. CHF 450'000/Jahr; Besucherzahlen: rund 3'000/Jahr



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 10  2012
Ausstellungen Louise Hervé, Chloé Maillet [09.09.12-18.11.12]
Institutionen Kunsthaus Glarus [Glarus/Schweiz]
Autor/in San Keller
Autor/in Sabine Rusterholz Petko
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1209140930563VW-5
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.