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Besprechung
10.2012


Gabriel Flückiger :  Alles steht mit allem im Austausch. Hier ist dort, dort ist hier. Das Kunsthaus Langenthal hat Arbeiten zusammengestellt, welche Warentransporte, die Mobilität der Menschen sowie die digitale Inventarisierung der Welt thematisieren. Dabei weist es auf Missstände, Freiräume und Utopien hin.


Langenthal : ‹Hier beginnt die Welt›


  
Matilde Cassani · Sacred Spaces and Profane Building, 2012, Lentikulardruck (aus einer Serie)


Zirkulation prägt die heutige Zeit. Freier Fluss von Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital wurde bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaften 1957 als Basis des Zusammenlebens formuliert. Auch Sam Grafs (*1984) Installation ‹There/Until Then› zeugt vom Warenfluss. Per Expresspost schickte der Berner ein Paket inklusive Audio-Aufnahmegerät von Zürich nach London. Entstanden ist ein Klangteppich von Gesprächsfetzen, Maschinengeratter und Flugzeuggeräuschen - die akustische Aufzeichnung eines komplexen Transportwegs. Zusammen mit einem digitalen Sekundencountdown wird das, was sonst bloss abstrakter Gedanke ist - die komplexe Transportroute eines Pakets - unmittelbar nachvollziehbar.
«Die Ausstellung knüpft bewusst am Alltäglichen an», so Raffael Dörig, Leiter des Kunsthaus Langenthal. Insofern reflektieren die Arbeiten weit verbreitete Phänomene einer globalisierten und digitalisierten Welt. Zwei Beispiele: Von Pass-Antragsformularen aller UNO-Mitgliedstaaten reiht die Kanadierin Patricia Reed (*1977) die auszufüllenden Kästchen und Felder zu einer feingliedrigen Zeichnung, welche die einheitliche und vereinheitlichende Ästhetik der Bürokratie vorführt. Niko Princen (*1979) lief hingegen zweimal um seinen Wohnblock: Einmal real mit Videokamera, einmal virtuell auf Google Street View. Installativ übereinander projiziert, verschmilzt beides zu einem undefinierten, aber zeitgemässen Hybrid der Welterfahrung.
Dass die Ausstellung mit kritischem Anspruch konzipiert ist, zeigt sich spätestens bei der Präsentation des ‹Hotel Gelem› von Christoph Wacher (*1966) und Mathias Jud (*1974). Wer sich beim Projekt der beiden in Berlin lebenden Künstler anmeldet, kann als ‹embedded tourist› bei Familien in Roma-Camps leben. In Langenthal werden die Camps zusammen mit Hintergrundmaterial vorgestellt, dabei wird deutlich, dass die Mobilität der Roma häufig unfreiwillig ist und auf gesellschaftlicher Stigmatisierung basiert. Wenn Matthias Wermke (*1978) und Mischa Leinkauf (*1977) dann in ihrer Videoarbeit ohne Bewilligung auf dem Berliner Schienennetz mit selbstgebastelten Draisinen umherkurbeln, wird der effiziente Menschen- und Warenfluss definitiv sekundär. Stattdessen rücken absurde, ja subversive Szenen in den Vordergrund. Das schafft Platz für Utopien: Manuel Saizs (*1961) will eine kreisförmige Bahnstrecke bauen, die ein Zug in zwölf Stunden umrunden kann. Eine überdimensionierte Uhr sozusagen. Ein- und aussteigen dürfte man nur einmal im Jahr.

Bis: 04.11.2012



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Ausgabe 10  2012
Ausstellungen Hier beginnt die Welt (Jubiläumsausstellung) [29.08.12-04.11.12]
Institutionen Kunsthaus Langenthal [Langenthal/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
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