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Besprechung
10.2012


J. Emil Sennewald :  Um hineinzukommen, muss man durchs Drehkreuz aus stachelig-unbearbeiteten Tannenstämmen. Das «schon ziemlich barbarische Drehkreuz», sagt Claude Lévêque, habe er «mit dem positiven Bild vom Schweizer Wald» verbunden. Der Besucher wird spürbar mit Ausgrenzungsmechanismen konfrontiert.


Zürich/Tours : Claude Lévêque, ‹Weisswald›


  
Claude Lévêque · Weisswald, 2012, Tannen-Stämme und Äste, aufgehängt und schwebend, Stroboskop. Courtesy kamel mennour, Paris. Foto: Christoph Kern & Annette Fischer


Bevor sie diesen Text lesen, sollten sie im Internet ein Stück von den Stinky Toys suchen, zum Beispiel ‹Plastic faces› von 1977. Gefunden? Die Musik läuft? Dann sind sie jetzt akustisch im Resonanzbereich von Frankreichs Punk-Künstler Claude Lévêque. Der 59-Jährige sagte 2003 über eines seiner wichtigsten Vorbilder: «DADA war eindeutig und politisch respektlos, sie haben auf das etablierte System gespuckt.» 2009 gestaltete er Frankreichs Venedig-Pavillon. «Ein schrecklicher Ort, der mir eine Lektion in Monumentalismus erteilte», meint er heute. Lévêques Gegenkultur ist mehr als Pose. 2011 lehnte er die Auszeichnung zum französischen Ehrenlegionär ab. Seine Werke rütteln durch Ortsbezug auf, Themen wie Rassismus oder Intoleranz verstecken sich hinter poetischen Metaphern und Bonbon-Fassaden.
Nicht so in seiner das CCC in Tours füllenden Arbeit ‹L'âge atomique›: Neonröhren sind zu Panzersperren gesteckt, garniert mit Stacheldraht, schwarze Wände, an der Decke ein Kreuz. Das Kunstzentrum als Kriegsspielplatz - autsch. Eine Autostunde südwestlich, in der Abtei Fontevraud, drehte Lévêque im September erneut das Bequeme zum Unbehagen. Im grossen Schlafsaal soll man träumen. Von der Schönheit der Loire, indem man sich in Barken legt. Eine rote Neonröhre zeichnet den Fluss nach. Die Besucher treiben im Raum wie Tote. «Mort en été» lautet der Titel der Installation. Dass seine Werke besser wirken als bloss ‹Plastic faces› eines Engagierten, verdanken sie Lévêques meisterhaftem Umgang mit dem Raum. «Raum wirkt körperlich, mental, politisch - das soll der Besucher erfahren.»
Nun auch im Cabaret Voltaire (Co-Kuratorin Valentine Meyer), mit dem er seit Jahren in Kontakt ist. dAdA sei, so Lévêque, «eine Verschiebung von Worten, Dingen, Handlungen. Das ist es, was ich mit meiner Arbeit mache. Anziehung und Abstos-sung sind meine zentralen Themen. Ich greife dabei auf Realität genauso zurück wie auf historische Bezüge.» ‹Weisswald› bietet «ein umgekehrtes Bild des finsteren Waldes». Baumstümpfe «bewegen sich, rollen herum, erzeugen einen unheimlichen Sound», erklärt er. Stroboskopische Blitze zucken, «der Besucher wird physisch und mental Teil dieser Inszenierung, ist Zuschauer und Angeschauter zugleich. Dabei bleiben die Objekte Anstoss, ohne skulpturalen Eigenwert.» Die Einladung zum Andersdenken macht Lévêques theatrale Installationen aus. Wer sich darauf einlässt, findet mehr als nur ‹Plastic faces› künstlerischer Maskeraden.

Bis: 06.01.2013



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Ausgabe 10  2012
Ausstellungen Claude Lévêque [06.09.12-06.01.13]
Ausstellungen Claude Lévêque [22.06.12-21.10.12]
Institutionen Cabaret Voltaire [Zürich/Schweiz]
Institutionen CCC [Tours/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Claude Lévêque
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