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Besprechung
10.2012


 Vor zwölf Jahren wurde die Skulpturenroute ‹kunstwegen› ent­lang des Grenzflusses Vechte eröffnet. Mit ‹raumsichten› ­ erhielt die niederländisch-niedersächsische Liaison nun ein weiteres Kapitel. Im Sommer wurden zehn neue Kunstwerke in der idyllischen Landschaft aufgestellt.


Bad Bentheim/Nordhorn : raumsichten


  
links: Antje Schiffers · Flachs für Ohner Leinen, 2012 Foto: Stephan Konjer
rechts: Christoph Schäfer · Topografie der Gemeinheit, 2012, Filmausschnitt. Foto: Stephan Konjer


Ja, gehört habe er von ‹raumsichten›, aber er halte gar nichts davon, besser hätte man das Geld in den Kindergarten investiert - ereifert sich der Hotelrezeptionist. ‹raumsichten› beschäftigt das internationale, vor allem auch das regionale Publikum. Und wie nicht anders zu erwarten, sind die Meinungen divergent. Antje Schiffers' (*1967) Projekt, von dem man vor Ort kaum noch etwas erblickt - bis auf einige bestickte Anzüge und Samenheftchen in der Dorfkneipe -, sei rundum gut angekommen. Die Künstlerin hat im und mit dem Dorf Ohne Flachs anbauen lassen. Einige ältere Leute mochten sich an die Leinenproduktion noch erinnern, verschiedene Fachleute und Organisationen wurden involviert und dann hat man geplant, angepflanzt, geerntet, gerauft, gehechelt und gesponnen, und Alt und Jung war freiwillig und begeistert dabei. Man habe sich an das mit der Arbeit verbundene Gemeinschaftsgefühl von früher erinnert, teilt die engagierte Bürgermeisterin mit. Auch Christoph Schäfer (*1964) hat ein - allerdings zur Revolte führendes - Gemeines im Sinn. Inspiriert vom genossenschaftlich verwalteten Wald Samerrott, einer der letzten Allmenden (einer Form mittelalterlichen Gemeineigentums), stellt er eine ‹Topographie der Gemeinheit› vor. Eingriffe an verschiedenen historischen Orten rücken die dramatischen Geschehnisse in den Blick, die vor Jahrhunderten mit der Einführung des Privateigentums und der Enteignung der Bauern einhergingen. Wie schon im Hamburger ‹Park Fiction› setzt sich Schäfer für kollektiven Widerstand ein.
Alle Künstler/innen haben sich differenziert mit der Region beschäftigt und ihre Werke mit sorgfältigem Ortsbezug eingebracht. Proteste provozierte vor allem die Eisenbahnbrücke von Hans Schabus, ein ausrangiertes, aber noch intaktes österreichisches Relikt, das nun gänzlich funktionslos - ein irritierendes Zeichen menschlicher Spielfreudigkeit - inmitten bestellter Felder über die Vechte führt. Abgesehen von den vielfältigen Anregungen, welche die Werke vermitteln, gehen aber auch ganz handfeste Gewinne mit ‹raumsichten› einher. In der wunderschönen Burg Bad Bentheim wurden im Kontext der Arbeit von Willem de Rooij Ausstellungsräume für künftige Aktivitäten eingerichtet und die Arbeit von Paul Etienne Lincoln ist mit dem Pflanzen einer Menge von Eichbäumen verbunden. Vielleicht sollte jemand nochmals mit dem Mann von der Hotelrezeption sprechen.



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Ausgabe 10  2012
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