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Hinweis
10.2012




München : Julian Rosefeldt


von: Roberta, De Righi

  
Julian Rosefeldt · American Night, 2009, Lightjetprint 106 x 159 cm, Courtesy Barbara Gross Galerie München © ProLitteris


Ein Mann kommt aus der Wüste, überquert einen Fluss, wird von den Massen empfangen wie ein Erlöser, durchquert eine Stadt und kehrt in die Wüste zurück. Es ist ein seltsam unberührter und unberührbarer Weltenwanderer, den Julian Rosefeldt (*1955, München) in seiner Filminstallation ‹Lonely Planet› von 2006 wie den Tor auf Reisen aus dem Nichts kommen und im Nichts wieder verschwinden lässt. Und der dabei vom Sein ebenso wie vom Treiben um ihn herum nichts zu verstehen scheint.
Rosefeldt zeigt ein sehr archaisches Motiv sehr zeitgemäss. Als Rucksacktourist, dessen Reise-Bibel ja weltweit ‹Lonely Planet› heisst, schippert der von ihm selbst gespielte Protagonist, begleitet von eingängigen Om-Klängen, über den Fluss des Lebens, taucht ein in eine exotische, höchst lebendige Welt, ist aber zu ewigem Daran-vorbei-Laufen verdammt. Der Planet, auf den er diesen Sisyphus mit seiner Last auf dem Rücken schickt, ist zudem alles andere als einsam. Und das scheinbar Authentische entpuppt sich als Inszenierung. Eine Schau in der Galerie Barbara Gross präsentiert derzeit ‹Lonely Planet› sowie Fotos zu ‹American Night›, 2008, einem Film, den Rosefeldt als etwas anderen Western-Klassiker gedreht hat. Dieser ist zeitgleich in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste zu sehen.
Der seit 1999 in Berlin lebende Künstler durfte 2010 für Tom Tykwers Hollywood-Streifen ‹The International› die New Yorker Guggenheim-Rotunde bestücken und im Film dann bei der Zerstörung seiner Werke zusehen. Seit Herbst 2011 ist Rosefeldt Professor für digitale Medien an der Münchner Akademie der Bildenden Künste. Zur Jahresausstellung 2012 haben er und seine Studenten ihr Publikum auf den nächtlichen Trip durch ein unbekanntes München geschickt - ins Klärwerk, in die Moschee, auf den Friedhof und in den Puff. Die Kehrseite der Welt, das Verborgene unter der Oberfläche, ist schon lange Rosefeldts Obsession.
Das war schon bei ‹Die unbekannten Kathedralen› so, wofür er 1995/1997 noch mit seinem Kompagnon Piero Steinle gewaltige Innenräume angemessen grossartig ins Bild rückte. Aber der Blick in das Dahinter oder Darunter ist stets wiederum eine Inszenierung - oder besser: eine In-Szene-Setzung - eine perfekte dazu.
Seine Installationen sind seitdem komplexer geworden, seine Filme opulenter. Aber Rosefeldt erzählt immer noch keine Geschichten, sondern - ob in ‹Stunned Man› oder in ‹The Soundmaker› - er schildert eindrücklich letztlich ein und denselben Zustand. Man kann angesichts der Vergeblichkeit allen Tuns in Rosefeldts Kosmos verzweifeln. Oder man kann über die absurde Endlosschleife des Lebens lachen. Seine Kunst wertet nicht, sie zeigt. Der Permanent-Loop menschlichen Scheiterns wirkt darin weder tragisch noch komisch, er ist einfach eine Tatsache. Oder doch die Inszenierung von einem, der - ganz weit weg - auf der Erde alle Fäden in der Hand hält?

Bis: 28.10.2012



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Ausgabe 10  2012
Ausstellungen Julian Rosefeldt [03.09.12-20.10.12]
Ausstellungen Julian Rosefeldt [14.09.12-28.10.12]
Institutionen Barbara Gross [München/Deutschland]
Institutionen Akademie der Schönen Künste [München/Deutschland]
Autor/in Roberta, De Righi
Künstler/in Julian Rosefeldt
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