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10.2012




Tabaimo


von: Dominique von Burg

  
links: Tabaimo · Japanisches Badehaus - Männer, 2003, Courtesy Gallery Koyanagi
rechts: Tabaimo · Public convenience, 2006, Courtesy Gallery Koyanagi


Die Animationsfilme der japanischen Videokünstlerin Tabaimo (*1975, Hyogo) zeigen einen voyeuristischen Blick auf körperliche Verrichtungen. Er manifestiert sich in Form von umherflatternden Motten, die aus Männerhänden freigelassen werden und deren Augen sich in Kameraobjekte verwandeln. In ‹Public convenience› beobachten sie vier Frauen in einer öffentlichen Toilette. Durch eine halb geöffnete Kabine sieht man eine junge Frau, die immer wieder die Spülung bedient. Sie versucht verzweifelt, eine darin schwimmende und gegen die Wassermassen ankämpfende Schildkröte - in Japan ein Symbol männlicher Potenz - wegzuspülen. Eine weitere Frau kommt herein und ihr Mobiltelefon fällt in die Hocktoilette. Darauf bindet sie sich ein Seil um die Hüfte und springt Kopf voran in die Toilette, um es rauszufischen. Schliesslich betritt eine schmerzgekrümmte Frau die Toilette. Aus ihrer Nase zieht sie einen Fötus, setzt ihn auf den Rücken der Schildkröte und spült danach beide hinunter. Damit weist Tabaimo auf verdrängte Dinge hin, die sich in schmutzigen Abwässern sammeln.
In einem zweiten Projektionsraum betritt man durch eine Schiebetüre den Männerbereich eines traditionellen japanischen Badehauses, eine Sentò. Man sieht Büroangestellte in Anzug und Krawatte ins Wasserbecken steigen oder einen Schüler nicht nur seine Kleider, sondern auch seine Haut ausziehen. Dieser Sequenz geht ein Zwischentitel voraus, der besagt, dass der Junge die «Haut der Verantwortung» abstreife. Von Verantwortungslosigkeit zeugt auch eine Frau, die ihr Baby im Schliessfach deponiert.
In beiden Filmen thematisiert Tabaimo in einem bühnenartigen Setting Themen wie Isolation, Instabilität und alltägliche Absurditäten. Ihre Filme und Zeichnungen, die von neurotischen und gebrochenen Individuen bevölkert sind, halten der zeitgenössischen japanischen Gesellschaft einen Spiegel vor. Sie erhellen, wie das traditionelle Gemeinschaftsleben auf Kosten der Individualisierung zersetzt wird. Auch erfassen sie die permanente Angst in dem erdbebenreichen Land, selbst wenn die Äusserungen der Bewohner/innen abstrakt und distanziert bleiben. Die Künstlerin kombiniert japanische Kunstformen, wie die Ukiyo-e-Holzschnitte, Mangas und Anime mit surrealen Erzählungen. An der Biennale Venedig festigte Tabaimo ihren Ruf als eine der renommiertesten Gegenwartskünstlerinnen Japans mit ihrer hervorragenden Videoinstallation ‹Teleco-Soup›. Nun tritt sie im Rahmen der Ausstellung ‹Die Schönheit des Augenblicks› auf und erweitert die idealisierten historischen Frauenbilder mit einem zeitkritischen Kommentar.

Bis: 14.10.2012



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Ausgabe 10  2012
Ausstellungen Frauen im japanischen Holzdruck [07.07.12-14.10.12]
Institutionen Museum Rietberg [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Tabaimo
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