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10.2012




Zürich : Roy Menachem Markovich


von: Stefan Wagner

  
links: Roy Menachem Markovich · Diamonds Forever, 2009, Videostill
rechts: Roy Menachem Markovich · The Prestige Lounge, 2008, Videostill


Glück muss man haben. So wie der in Tel Aviv lebende Künstler Roy Menachem Markovich, der in den Bodenbrettern seines Ateliers auf Diamanten stösst. Nach dem Fund vermutet er einen ganzen Schatz im Holz und lässt ein Abbruchkommando anrücken, um den gesamten Boden herauszureissen. Geschickt verbirgt er die Steine, um sie nicht teilen zu müssen. Schliesslich löst er ein volles Briefchen beim Diamanthändler ein. Der Film endet. Nun fragt man sich: Ist dies ein zeitgemässes Märchen über unermesslichen Reichtum oder ist das eine inszenierte Kapriole? Es gibt darauf selbstverständlich keine Antwort. Markovich schafft mit seinen Filmen Gleichnisse, die sich banal geben und mit Witz daherschlendern, im Inneren aber einen ernsten, manchmal fast schon tragischen Kern haben.
‹And We Worked› beispielsweise besteht aus einem Interview, das der Künstler mit seiner Grossmutter über den Holocaust führte. Dabei werden die beiden ständig von Leuten unter­brochen, sodass das Gespräch nie richtig starten kann. Das Erzählte bleibt fragmentarisch. Am Ende überreichen zwei Soldaten der Grossmutter eine Ehrenmedaille, weil sie den Holocaust überlebt hat. Anschliessend sprechen die beiden Soldaten mit der alten Frau über die schwierige innenpolitische Lage in Israel und die Anschläge dort. Markovich legt mit dieser Arbeit einen Finger auf eine nie heilende Wunde. Die emotionale Innenarchitektur Israels bleibt gegen aussen verschlossen und ist im Innern äusserst fragil und irrational. Damit stellt der Künstler die Frage nach Formen des Erinnerns und weist darauf hin, dass auf dem israelischen Alltag immer auch ein trügerisches Schicksal lastet. In ‹The Prestige Lounge› wird dies besonders deutlich. Eine Lounge verwandelt sich mit wenigen Tricks in eine gebastelte Dschungellandschaft. Da trifft Slapstick-Humor auf eine spröde Form von Sozialdarwinismus. Es dauert, bis man der Tiefe der Arbeit habhaft wird.
Esther Eppstein hat Markovich für eine Einzelausstellung in ihren message salon im Perla-Mode eingeladen. Der Ausstellungstitel ‹We Shall Overdraft› verdeutlicht, dass Gewinn und Verlust, Ruhm und Niederlage nahe beieinanderliegen. Gezeigt werden Skulpturen und Filme. Dass seine Werke oft unfertig wirken, die Kulissen gebastelt und die Inszenierung zuweilen dilettantisch sind, zeigt, dass in Markovich ein tiefes Bedürfnis nach Menschlichkeit schlummert, nach einem Streben vielleicht, das jenseits operationaler Zwänge und politischer Notwendigkeiten die Hand nach einer friedvolleren Gesellschaft ausstreckt.

Bis: 20.10.2012



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Ausgabe 10  2012
Ausstellungen Roy Menachem Markovich [29.09.12-20.10.12]
Institutionen message salon [Zürich/Schweiz]
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Roy Menachem Markovich
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